34 Mike Lünsmann

Foto und Interview: März 2006

Sie sind Herthas Rekordspieler in der 2. Liga. Bedeutet Ihnen das etwas oder ist das eine Zahl ohne Wert?

Das bedeutet mir schon etwas. Entscheidend ist für mich auch nicht die Liga, sondern der Verein. Und da zeigt dieser Rekord eben, dass Hertha auch vor dem Wiederaufstieg 1997 bereits eine Geschichte hatte.

Würden Sie nicht sagen, dass Sie – ob nun bei Hertha BSC oder bei einem anderen Verein – mehr Erstligaspiele hätten machen müssen?

Eigentlich nicht. Ich hatte ja 1993 durch ein Foul von Holger Greilich einen Wadenbeinbruch und musste deshalb ein Jahr lang pausieren. Diese Verletzung merke ich selbst heute noch ein wenig, und im Nachhinein muss ich sagen, dass ich dadurch auch nie mehr meine frühere Schnelligkeit erreichen konnte.

Nach dem Bundesligaabstieg 1991 hatte ich so ein wenig den Eindruck, dass die Fans gerade von Ihnen zuviel erwartet haben.

Das war schon eine ziemlich schwierige Zeit, weil man ja gerade als Stürmer selten über Jahre hinweg wirklich konstant spielt. Man hat gemerkt, dass die Leute ein wenig frustriert waren, dass Hertha damals zwar oben mitgespielt hat, aber nie wirklich etwas mit dem Aufstieg zu tun hatte. Das hat sich dann eben z. T. an mir festgemacht, aber genauso an so jemandem wie Carsten Ramelow. Weil der Jugendnationalspieler war, wurde von ihm erwartet, dass er auch bei Hertha das Spiel macht, aber das musste einen so jungen Spieler einfach überfordern. Später in Leverkusen hat er ja dann bewiesen, dass er es kann, aber in Berlin ist das eben oft etwas schwieriger.

Anfang der 90er kam es gar nicht gut an, als bekannt wurde, dass Sie angeblich eine Kneipe gekauft hätten.

Das stimmte so auch gar nicht. Ein paar Schulfreunde von mir haben damals ein Café gekauft und ich war lediglich Teilhaber. Für die Öffentlichkeit war ich dann plötzlich der Kneipenbesitzer und es war ziemlich schwierig, das dann wieder klarzustellen. Diese Geschichte hat mir jedenfalls eher geschadet als genutzt.

1993 wurden ja mit Junghans, Bayerschmidt und Gries drei Spieler entlassen. Wie haben Sie bzw. der Rest der Mannschaft sich dazu verhalten?

Ich war damals ja noch ein relativ junger Spieler, da bestand kaum eine Möglichkeit, in der Hinsicht groß mitzureden. Im Prinzip war das ein Machtkampf zwischen zwei Spielergruppen und das war für die ganze Mannschaft nicht gerade besonders positiv. Ich kann nur sagen, dass ich die Suspendierung schade und überflüssig fand weil die drei zweifellos wichtige Spieler waren.

Wir gehören ja zum selben Jahrgang. Hat die Bundeswehr auch bei Ihnen versucht, Sie noch mit Mitte 20 einzuziehen?

Ja, der Versuch wurde gemacht. Ich war allerdings zum Musterungstermin gerade verletzt, und als ich dann wieder fit war, bin ich aus Altersgründen rausgefallen.

Ist Fußball vielleicht auch so ein wenig Ersatz-Bundeswehr wenn es um Männlichkeitsrituale oder darum geht, keine Schwäche zu zeigen?

Das kann man schon vergleichen. Fußball ist eben ein Mannschaftssport, bei dem auch viel Autorität und Disziplin mit im Spiel ist. Wenn da jeder seinen Senf dazu geben würde, dann wäre das wahrscheinlich eher kontraproduktiv.

In Ihrer letzten Saison bei Hertha haben Sie ja noch Steffen Karl als Mitspieler kennen gelernt. Hätten Sie ihm seine Verwicklung in den Wettskandal zugetraut?

Ehrlich gesagt: ja. Auch wenn ich mit anderen Leuten über dieses Thema gesprochen habe, konnte man merken, dass sich kaum einer besonders darüber gewundert hat. Steffen war auch früher schon wahrlich kein Kind von Traurigkeit.

Nach Ihrer Zeit bei Hertha BSC wechselten Sie zu Sachsen Leipzig. Gab es innerhalb der Mannschaft Vorbehalte gegenüber Ihnen als Wessi?

Überhaupt nicht. Lediglich am Anfang hat man noch eine gewisse Distanz gespürt, weil es da ja auch noch nicht so üblich war, dass Spieler aus dem Westen in den Osten wechseln. Ich bin aber als Typ nie jemand gewesen, der irgendwie arrogant auftritt, von daher habe ich mich dort relativ schnell sehr gut aufgehoben gefühlt. Zumindest damals war die Kameradschaft bei den Ostclubs wirklich gut.

Ende der 90er sind Sie dann zu Tennis Borussia gewechselt, wo es mit Trainer Gerland einige Schwierigkeiten gab.

Damals war Sachsen Leipzig in der 3. Liga so ziemlich der einzige ernsthafte Konkurrent von TeBe. Und da ich als Spieler von Sachsen Leipzig gegen TeBe regelmäßig getroffen hatte, hat man mich dort eben weggekauft. Einerseits wollte Tennis Borussia die eigene Mannschaft stärken, aber natürlich genauso auch den Konkurrenten schwächen. Leider hat Gerland sich dann aber relativ schnell auf Aracic und Kovacec als Stürmer festgelegt, da war es dann auch egal, wie gut man im Training war. Irgendwann habe ich dann gesagt, dass ich nicht Gerlands Bratwurst bin, und danach hatte ich es dann natürlich doppelt schwer.

Können Sie bestätigen, dass Gerlands Nachfolger Winfried Schäfer von der Mannschaft eigentlich gar nicht ernst genommen wurde?

Wir hatten damals Mannschaftssitzungen, da waren schon so einige lustige Dinger dabei. Ansgar Brinkmann hat Schäfer sogar mal vor versammelter Mannschaft gesagt: „Du könntest noch nicht mal einen Kiosk leiten.“ Das war schon teilweise ziemlich heftig.

Stimmt es, dass einige Spieler von TeBe damals absichtlich absteigen wollten, um aus ihren Verträgen herauszukommen?

Vereinzelt wird es das sicher gegeben haben. Das viele Geld versaut eben so manchen Spieler, das ist ein ganz grundsätzliches Problem.

Zum Schluss noch eine aktuelle Frage: Warum spielen Sie eigentlich nicht wie Fistler, Glöde oder Gries in Herthas Traditionsmannschaft?

Ich hatte schon öfter mal vor, dort mitzuspielen, aber es hat sich bisher einfach noch nicht ergeben. Das wird sich aber bestimmt bald ändern.

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