33 Theo Gries

Foto und Interview: November 2003

Gab es bei Ihnen einen bestimmten Zeitpunkt in Ihrer Kindheit, an dem Sie wussten, dass Sie Fußballprofi werden möchten?

Das hat sich bei uns jeden Tag in Mittelbrunn auf der Straße abgespielt. Vor der Schule, nach der Schule, manchmal habe ich auch keine Hausaufgaben gemacht, weil die Eltern ja arbeiten waren. Wenn ich dann aus dem Fenster geschaut habe, und die anderen spielten schon, habe ich mir natürlich auch gleich die Turnschuhe angezogen. Mein Vater war ja selbst Fußballer und hat dadurch meinem Bruder und mir schon einiges mitgegeben. Wir waren ohnehin eine fußballverrückte Familie; meine Großeltern betrieben auch das Vereinslokal im Ort. Ab und zu hat man zwar mal dem Bauern geholfen, ist Fahrrad gefahren oder ins Schwimmbad gegangen. Aber das war’s auch schon mit der Abwechslung.

Anfang der 80er haben Sie bereits ein Erstligaspiel für den 1. FC Kaiserslautern absolviert. Kamen Sie damals mit Trainer Dietrich Weise nicht zurecht oder warum wurde daraus nicht mehr?

Dietrich Weise war ja nur am Anfang der Saison Trainer in Kaiserslautern. Ich war zwar damals das, was man als guterzogenen Jungen bezeichnen kann, aber ich hatte einen Fehler: Meine Haare waren zu lang und ich hatte einen Bart. Man hätte mich durchaus bei „Jesus Christ Superstar“ mitspielen lassen können. Dazu muss man wissen, dass Weise damals Spieler wie Brehme und Kitzmann erst einmal zum Friseur geschickt hat. Als ich das nach ein paar Wochen erfahren habe, konnte ich mir natürlich denken, warum es mit meiner Integration nicht so geklappt hat. Weises Nachfolger Kraft hat mich zwar auch nicht so toll behandelt, aber zumindest hat er mich rangenommen und versucht zu fördern. Trotzdem gab es auch die ein oder andere Aktion, die mir nicht so gefallen hat. Einmal hatte er mir versprochen, dass ich spielen darf und ich hatte mir extra an dem Tag frei genommen, weil ich parallel ja auch noch gearbeitet habe. Eine Stunde vor dem Spiel hat er sich dann anders entschieden und Bruno Hübner eingewechselt, der noch leicht angeschlagen und deshalb bis kurz vorm Spiel gar nicht im Kader war. Offenbar hat er selbst auch nicht damit gerechnet, und so kam es, dass er dann nach einem Schnitzel und drei Bier noch auf den Platz musste.

Können Sie sich noch daran erinnern, wie Sie 1988 zu Hertha BSC kamen?

Als ich bei Hertha anfing, stand die Mannschaft im Tabellenkeller und Werner Fuchs wurde gerade neuer Trainer. Ich selber hatte damals in Aachen Probleme, weil ich einfach das Tor nicht mehr traf. In Aachen ging es Spielern dann oft so, dass sie bei einem negativen Lauf schnell flachgebügelt wurden. Diesen Druck von außen kannte ich vorher so noch nicht, und ich habe dann auch ziemlich schnell mein Selbstvertrauen verloren. Werner Fuchs kannte mich ja noch durch seine Trainertätigkeit in Aachen, und weil ich mal so etwas wie ein Lieblingsspieler von ihm war, hat er mich zu Hertha geholt. Dieser Wechsel ist für mich bis heute die beste Entscheidung, die ich in meiner Karriere getroffen habe.

Sie gehörten bei Hertha BSC mit zu den beliebtesten Spielern. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Ich denke der Bezug zu den Fans kam nicht nur dadurch, dass ich viele Tore gemacht habe, man konnte auch sehen, dass ich immer leistungsbereit war. Natürlich gab es auch bei mir Phasen, in denen mir nichts gelungen ist, aber ich habe mich da immer herausgekämpft, teilweise auch mit Hilfe von Walter Junghans, mit dem ich schon mal ein paar Extraschichten eingelegt habe beim Flanken verwandeln. Auch wenn mal nur 10- oder 15.000 Zuschauer im Stadion waren, habe ich mich immer als Gladiator in der Arena gefühlt. Manchmal war zwar nur der Oberring gut gefüllt, aber trotzdem hat mich die Atmosphäre schon sehr beeindruckt. Auch die Sprechchöre hört man unten auf dem Platz ganz anders als oben auf der Tribüne. Das hat mir immer Gänsehaut bereitet und mich zusätzlich motiviert. Ich war auch oft nervös vorm Spiel, aber wenn der Schiedsrichter angepfiffen hat, war das wie eine Befreiung, endlich Gas geben zu können.

Nach dem Aufstieg in die 1. Liga 1990 hat man sich fast gar nicht auf dem Spielermarkt der DDR umgesehen. War das ein Fehler?

Es gab bestimmt einige Spieler, die man vermutlich hätte kriegen können. Spieler wie Kirsten oder auch Pilz hatten schon eine sehr große Qualität. Natürlich hätte ich auch gerne mal in einer Mannschaft gespielt, in der ich nicht unbedingt zu den Führungsspielern gezählt, aber trotzdem meine Tore gemacht hätte. Einfach eine Mannschaft, die vom Standard her durchweg 1. Liga gewesen wäre. Ich weiß noch, wie man uns Spielern damals ständig in den Ohren lag mit alten Europapokal-Zeiten und den Spielen gegen Roter Stern Belgrad in den 70ern. Es war ja 1990 so, dass wir direkt nach dem Aufstieg zu viele Verletzte hatten, und dies durch die Neuzugänge auch nicht kompensiert werden konnte. Uwe Rahn und Norbert Schlegel waren ja mehr oder weniger Außenseiter, die sich in dieser Rolle leider auch ziemlich wohl gefühlt haben.

In der Zeit von 1991-1993 haben Sie bei Hertha auch mit Mario Basler zusammengespielt. Haben Sie ihn damals auch schon als exzentrisches Genie erlebt?

Klar, das hat bei ihm nicht erst in der 1. Liga angefangen. Aber da muss man auch mal mit einigen Irrtümern aufräumen, denn Mario ist eigentlich ein richtig guter Kumpel. Wir wussten damals ja schon, dass er manchmal nur drei gute Aktionen pro Spiel hat, alles andere blieb an uns anderen hängen. Trotzdem habe ich von Mario enorm profitiert. In der einen Saison, in der ich 23 Tore gemacht habe, da habe ich bestimmt 18 Tore auf direkte Vorbereitung von Mario erzielt. Wir haben zwar versucht, ihn etwas in den Griff zu bekommen, wie andere auf einem höheren Niveau später auch, aber Mario ist eben ein Unikat.

Als sehr kämpferischer Spieler, der auch nicht gerade auf den Kopf gefallen war, hätten Sie aus meiner Sicht auch gut zu einem Verein wie dem FC St. Pauli gepasst.

Da hätte ich mich vermutlich auch sehr wohlgefühlt, die Atmosphäre im Stadion ist wirklich unglaublich. Ich weiß allerdings nicht, ob mich die Fans dort mit offenen Armen empfangen hätten, denn gegen St. Pauli habe ich mit am meisten Tore geschossen. Jahre später traf ich mal den ehemaligen St. Pauli-Trainer Helmut Schulte und seine erste Reaktion war: „Theo Gries, mein Alptraum!“

Während die Profimannschaft in der Saison 1992-93 eher eine durchschnittliche Zweitliga-Saison spielte, schafften die Amateure den Einzug ins DFB-Pokalfinale. In der Vereinsführung gab es damals Überlegungen, bei einem Sieg die Profimannschaft im Pokal der Pokalsieger antreten zu lassen. Ich kann mich erinnern, dass Sie sich damals gegen solche Pläne ausgesprochen hatten.

Das stimmt. Für uns als Profis war die Situation damals ja ziemlich schwierig. Gemessen an unserem Erfolg war der Erfolg der Amateure natürlich sensationell. Man musste sich schon ziemlich große Mühe geben, um da nicht neidisch zu werden. Einige Zeitungen schlugen bereits vor, die Amateurmannschaft auch in der 2. Liga anstelle der Profimannschaft spielen zu lassen. Trotzdem, hätten die Amateure das Endspiel gewonnen, dann hätten sie auch im Pokal der Pokalsieger spielen müssen. Mir wäre jedenfalls sehr unwohl dabei gewesen, mir die Lorbeeren von anderen umzuhängen.

Sie sind im November 1993 zusammen mit Junghans und Bayerschmidt vollkommen unvorbereitet bei Hertha BSC entlassen worden. Können Sie diese Tage mal aus Ihrer Sicht schildern? Wer war damals die treibende Kraft hinter dieser Entscheidung?

Die Entscheidung hat letztendlich Trainer Uwe Reinders getroffen. Wir kamen damals zum Training, da sagte uns Co-Trainer Ronald Worm: „Theo, Walter und Uli, ihr braucht euch nicht umzuziehen. Ihr sollt mal zur Geschäftsstelle kommen“. Als wir dann dort ankamen, saß bereits das gesamte Präsidium und der Trainer im Raum. Reinders sagte dann: „Ich plane nicht mehr mit euch. Walter, du bist zu alt, ich habe einen jüngeren Torhüter. Uli, ich habe mit dem Rohde einen Libero, da brauche ich keinen zweiten, und Theo, du triffst das Tor nicht mehr. Alles andere macht das Präsidium.“ Danach ist er aufgestanden und zum Training gefahren. Das Präsidium wollte dann sofort unsere Verträge auflösen. Wir haben daraufhin klargemacht, dass das keine Gründe seien, und wir bleiben wollen. Danach sind wir dann zum Training gefahren, haben uns umgezogen und wollten mittrainieren. Als wir auf dem Maifeld ankamen, hieß es: „Ihr seid vom Training freigestellt.“ Da wir aber an unsere Leistungsfähigkeit denken mussten, sind wir trotzdem zumindest einige Runden gelaufen. Daraufhin kam dann Ronald Worm und erklärte uns, dass wir hier noch nicht einmal laufen dürfen. Wir sind dann erst einmal ins Wiener Caféhaus gefahren und haben uns beraten. Mit Hilfe der Spielergewerkschaft entwickelt sich so etwas dann in der Regel zum Prozess oder zum Vergleich und dann trennt man sich eben. Trotzdem hat mich das tief getroffen, ich habe auch geweint an meinem letzten Tag bei Hertha. Es war, als hätte man mir das Herz rausgerissen, denn ich hing an keinem Verein so sehr wie an Hertha BSC. Natürlich habe ich mich auch bei anderen Vereinen absolut professionell verhalten, aber mein Herz war eben bei diesem Verein. Ich habe auch drei oder vier Jahre gebraucht, bis ich das verarbeitet hatte. Ich hätte dann noch die Möglichkeit gehabt, im Anschluss daran statt einem halben Jahr auch zweieinhalb Jahre bei Hannover 96 zu spielen, aber ich habe mich in Berlin so wohl gefühlt, dass ich schnellstmöglich wieder zurück wollte.

Wie hat denn die Mannschaft von Hertha BSC auf die damalige Situation reagiert?

Im Prinzip kann man sagen, dass die Zusammenstellung der Mannschaft in dieser Saison von vornherein nicht passte. Einige der neuen Spieler wie Bremser, Rohde und Wollitz hatten definitiv ein Problem damit, dass Junghans, Bayerschmidt und ich schon einen gewissen Stellenwert in der Mannschaft hatten. Genau genommen kommt da auch noch ein vierter Spieler hinzu, den ich aber nicht nennen möchte, weil er noch aktiv ist. Die eigentliche Katastrophe war dann, dass mit Reinders ein Trainer kam, bei dem diese Spieler damit auch noch auf offene Ohren gestoßen sind.

Sie sind momentan Trainer in der Oberliga bei Tennis Borussia. In dieser Mannschaft spielen mit Scheinhardt und Meyer zwei Spieler, mit denen Sie in den 90ern noch bei Hertha BSC zusammengespielt haben. Ist das Verhältnis zu diesen Spielern dadurch etwas Besonderes?

Klar kannte ich die beiden schon etwas näher als die anderen Spieler, ich wollte sie aber ausschließlich wegen ihrer sportlichen Qualität im Kader haben. Gerade weil sie schon etwas älter als die meisten anderen Spieler sind, bringen sie im Moment eine gewisse Konstanz in unsere Mannschaft. Die beiden sind übrigens die einzigen Spieler, die mich auch duzen dürfen, und die anderen Spieler erkennen das an. Trotzdem haben Daniel und Sven bei mir keine Privilegien. Ich habe zwar ein hohes Vertauen zu ihnen, das führt aber dazu, dass ich sie eher noch mehr in die Pflicht nehme als andere.

Daniel Scheinhardt war ja beim FC St. Pauli nicht mehr erwünscht. Der damalige Trainer Philipkowski hatte ihn zuletzt nur noch bei den Amateuren mittrainieren lassen; davon versprach er sich „weniger Unruhe“ bei den Profis. Hatten Sie Bedenken, Scheinhardt zu holen?

Überhaupt nicht. Ich denke, Daniel ist jemand, der einfach nur ehrlich und konstruktiv seine Meinung sagt. Wenn etwas aus seiner Sicht falsch ist, dann spricht er das auch an. Und wenn etwas fünfmal falsch ist, dann spricht er es eben fünfmal an. Klar, dass manche ihn deshalb für unbequem halten, auch wenn Daniel mit seiner Kritik wahrscheinlich große Teile der Mannschaft vertreten hat.

Welche Ziele haben Sie denn als Trainer von Tennis Borussia?

Das offizielle Ziel hieß ja zunächst einmal Nichtabstieg. Als ich kam, habe ich den Verantwortlichen gesagt, dass ich mich in der Oberliga eigentlich nicht so gut auskenne, es aber trotzdem gerne versuchen möchte. Eine der besten Entscheidungen war dann, Udo Richter als Co-Trainer zu verpflichten. Nicht nur weil Udo die Liga sehr gut kennt, auch menschlich kommen wir hervorragend miteinander aus. Die meisten Spielerverträge habe ich dann vor Beginn der Saison mitausgehandelt, das war eine ziemlich turbulente Zeit. Dass wir nach der Hälfte der Saison trotzdem im oberen Tabellendrittel stehen, hätten uns wohl nur die wenigsten zugetraut.