32 Wolfgang Patzke

Foto und Interview: April 2004

Sie haben Ihre Karriere 1991 verletzungsbedingt beendet. Wie lange hätten Sie denn unter normalen Umständen noch weiterspielen wollen?

Die Verletzung hatte ich mir im Prinzip schon im September 1990 im Zweikampf mit Klaus Allofs von Werder Bremen zugezogen. Ansonsten hätte ich wahrscheinlich noch zwei Jahre weitergespielt. Vielleicht sogar drei oder vier Jahre, wobei man da natürlich nicht weiß, inwieweit das auf diesem Niveau noch möglich gewesen wäre.

In der Saison 1991-92 kam Bernd Stange als Trainer zu Hertha. Da Sie zumindest noch auf dem Mannschaftsfoto zu sehen sind, haben Sie ihn wohl auch noch flüchtig kennen gelernt. Wie war Ihr Eindruck von ihm?

Ich habe ihn eigentlich als sehr offen und ehrlich empfunden. Wie schon Peter Neururer hatte ja auch er sich bei seinem Beginn bei Hertha BSC darauf verlassen, dass Michael Jakobs und ich noch einmal spielen können. Tatsächlich war es aber so, dass unsere Invaliditätsanträge bei seinem Antritt schon längst gestellt waren. Wie gesagt, ich habe ihn als sehr nett und sympathisch in Erinnerung.

Was haben Sie denn gedacht, als vor einigen Monaten bekannt wurde, dass er Trainer der irakischen Nationalmannschaft wird?

Ich fand das ehrlich gesagt nicht schlecht. Er hat das ja auch so begründet, dass er hierzulande keinen Job gefunden hat. Das ist aber natürlich trotzdem eine Sache, die mit einem hohen Risiko verbunden ist. Jetzt muss er dort unter ziemlich schwierigen Vorrausetzungen erst einmal eine Mannschaft aufbauen. Die Situation im Irak wird ja im Moment auch nicht unbedingt besser, eher schlechter. Ich ziehe jedenfalls meinen Hut davor, dass er diesen Schritt gemacht hat.

Als Sie 1988 zu Hertha BSC kamen, gab es da Spieler, die eher auf Distanz gegangen sind, weil sie Sie in erster Linie als Konkurrenz gesehen haben? Gerade im Mittelfeld muss es doch damals ein ziemliches Gedränge gegeben haben.

Klar, so etwas gab es schon. Als ich damals zu Hertha kam, gab es eine sehr starke Cliquenbildung, insbesondere um Freudenstein, Kaminski und Rombach. Diese Spieler hatten ja zweifellos alle ihren Anteil am Aufstieg, aber als dann Jakobs, Gries und ich kamen, sahen die natürlich ihre Felle davonschwimmen. Da wurden dann schon mal ziemlich die Ellenbogen ausgefahren. Für den einen oder anderen war das schon bitter, wenn man dann nicht mal mehr im Kader steht. Aber eine Mannschaft muss sich eben auch weiterentwickeln. Für mich kam am Anfang auch noch erschwerend dazu, dass mich Trainer Sundermann zwar geholt hatte, aber offenbar gar nicht wusste, auf welcher Position ich spielte. Der hat mich dann auch auf den verschiedensten Positionen eingesetzt, bloß nicht dort, wo ich normalerweise gespielt hätte. Mit Sundermann kam ich im Prinzip gar nicht klar. Von allen Trainern war er zusammen mit dem Horst Franz eigentlich die größte Enttäuschung in meiner Fußballerkarriere. Auch vom Fachlichen her war der überhaupt nicht bundesligatauglich. Wenn ich eine Mannschaft betreue, dann spreche ich nicht nur von den Stärken der gegnerischen Mannschaft, sondern auch von den eigenen. Die andere Mannschaft muss sich nach uns richten und nicht andersrum. Aber aus Sundermanns Besprechungen kam man oft heraus und fragte sich, wie man gegen solch starke Gegner überhaupt gewinnen sollte – da war doch grundsätzlich jeder Einzelne besser als wir. Das konnte natürlich nicht dazu beitragen, dass man dann mit extrem viel Selbstbewusstsein auf den Platz ging.

Kam der Aufstieg im Jahr 1990 vielleicht etwas zu früh?

Das denke ich eigentlich nicht. Wir waren ja eine Mannschaft, die sehr von der Kameradschaft gelebt hat. Als uns unsere eigene Stärke dann im Laufe der Saison bewusst wurde, haben wir uns regelrecht in einen Rausch gespielt. Nach dem Aufstieg war es nur so, dass einige der Neuzugänge überhaupt nicht zur Mannschaft gepasst haben. Armin Görtz und Uwe Rahn haben sich fast komplett abgekapselt und waren auch auf dem Spielfeld Fremdkörper. Genau genommen kann ich mich bei beiden an kein einziges gutes Spiel erinnern. In einer Mannschaft, die mehr oder weniger von der Gemeinschaft gelebt hat, kann das natürlich nicht wirklich gut gehen. Mit Leuten, die nicht mit dem Herzen dabei sind, kommt man eben nicht weit.

In der Erstliga-Saison 1990-91 wurde Mike Lünsmann plötzlich vom Stürmer zum Abwehrspieler umfunktioniert. Eine richtige Maßnahme?

Lünsmann war ja jemand, der von seinem Talent her eigentlich auf jeder Position hätte spielen können. Aber der war eben so ein richtig schlampiges Genie und definitiv einer von den Spielern, die mehr hätten erreichen können.

Ein anderer ehemaliger Hertha-Spieler, der bisher unter seinen Möglichkeiten geblieben ist, ist Sebastian Deisler. Halten Sie es für möglich, dass er auf dem Feld von gegnerischen Spielern wegen seiner Depressionen verhöhnt oder aber auf andere Weise provoziert wird?

Ich kann mir das eigentlich nicht vorstellen. Das sind ja auch Themen, über die man keine Späße machen sollte, das hat schließlich tiefliegende Gründe. Mir hat es jedenfalls sehr leid getan, dass ein Spieler, der sogar der Nationalmannschaft weiterhelfen kann, in ein solches Loch fällt. Da kann man im Prinzip nur froh sein, dass er in dieser Situation bei Bayern München ist, denn dort wird ihm vom Uli Hoeneß bestimmt sehr geholfen. Ich hoffe, dass er da rauskommt, denn Deisler ist einfach ein genialer Fußballer.

Sie haben bei insgesamt sechs Profivereinen gespielt. Wer war denn während dieser Jahre Ihr nervigster Zimmergenosse?

In der Regel teilt man sich das Zimmer ja mit einem Spieler, mit dem man sich auch ganz gut versteht. Bei Hertha war mein Zimmerkamerad z. B. Michael Jakobs, mit dem ich auch heute noch gut befreundet bin. Ein wenig anstrengend war eigentlich nur Jürgen Wegmann bei Schalke. Der war vor den Spielen so nervös, dass er vorm Fernseher saß, bis das Testbild kam. Der konnte einfach nicht einschlafen. Das ging teilweise so weit, dass er mich dann in der Nacht sogar geweckt hat. Dann fragte er mich etwas über seinen Gegenspieler und wollte wissen, was er denn tun soll. Ich war dann meistens so müde, dass ich ihm nur noch den Rat geben konnte, endlich ins Bett zu gehen.

Sie sprachen gerade die Freundschaft zu Michael Jakobs an. Mit ihm haben Sie ja schon öfter zusammen in einer Mannschaft gespielt.

Kennen gelernt haben wir uns im Ruhrgebiet schon als 5-Jährige. Danach ist der Kontakt nie mehr abgebrochen. Teilweise sogar durch ziemliche Zufälle. Als ich damals zur Bundeswehr einberufen wurde, kam ich tatsächlich in dieselbe Kaserne wie er. Als Profifußballer haben wir dann später bei vielen Vereinen zusammengespielt. Mal war es so, dass er zuerst da war und ich dann nachkam und mal war es andersrum. Auch nach unserer Fußballerkarriere ist der Kontakt nie abgebrochen. So kam es dann, dass wir auch geschäftlich einiges zusammen auf die Beine gestellt haben, wie z. B. ein Reha-Zentrum und einen Fanshop.