31 Daniel Scheinhardt

Foto und Interview: Juni 2004

Sie waren in der Erstliga-Saison 1990-91 einer der wenigen Hertha-Spieler, die regelmäßig gute Kritiken bekamen. Hat sich nach dem Abstieg nicht irgendein Bundesligist um Sie bemüht?

Kontakte hatte ich schon, aber eben auch einen Vertrag bei Hertha, der sowohl für die 1. wie auch für die 2. Liga galt. Dort stand zwar drin, dass ich für 300.000 Mark Ablöse wechseln könne, aber als dann Interessenten wie Borussia Dortmund anfragten, wollte man bei Hertha davon nichts mehr wissen.

Wie haben Sie denn damals beim Training die Rangelei zwischen Kruse und Zetzmann erlebt?

Als das passierte, war eigentlich schon abzusehen, dass wir wohl absteigen müssen. Axel war eben schon damals ein ziemliches Schlitzohr; der wusste genau, was er wollte. Die Rangelei sorgte immerhin dafür, dass Hertha danach nichts mehr gegen seinen Wechsel zu Eintracht Frankfurt einzuwenden gehabt hat. Das ging ja dann wirklich erstaunlich schnell über die Bühne.

Kann man sagen, dass Kruse seinen Abgang bei Hertha provoziert hat?

Ich denke nicht, dass ich da ein großes Geheimnis ausgeplaudert habe, weil diese Annahme ja schon damals im Raum stand. Meiner Meinung nach war das schon ziemlich offensichtlich, aber eine richtige Bestätigung kann das natürlich nicht sein.

1993 wurden Sie von den Lesern der „B.Z.“ zum schönsten Sportler Berlins gewählt. Gab es dafür von Ihren Mannschaftskollegen eigentlich eher Anerkennung oder Spott?

Natürlich Spott, ist doch klar. Dabei hatte ich die Sache ehrlich gesagt sogar selber ein wenig forciert. Um bei dieser Wahl zumindest nicht Letzter zu werden, habe ich nämlich einige Freunde von mir gebeten, Postkarten für mich einzuschicken. Ich konnte ja nicht wissen, dass auch noch so viele „reguläre“ Stimmen für mich abgegeben wurden. Diese Wahl hing mir sogar noch Jahre später nach. Als ich damals von Oberhausen zu St. Pauli wechselte, hat mein ehemaliger Mitspieler Carsten Pröpper sofort einem Hamburger Journalisten von der Sache mit dem „schönsten Sportler Berlins“ erzählt. Kaum war ich dann in Hamburg, schienen schon fast alle Bescheid zu wissen.

Im „Spiegel“ war vor ca. zehn Jahren ein Bericht über die damals chaotischen Zustände bei Hertha BSC zu lesen. Dort hieß es, dass ein Spieler, bei dem es sich offenbar um Sie handelte, nicht mehr aufgestellt wurde, weil ein Präsidiumsmitglied das so wollte. Angeblich, weil Sie bei einer Party seine Tochter angebaggert hätten…

So ganz stimmte diese Geschichte nicht. Tatsächlich war es so, dass die Frau des Präsidiumsmitgliedes Erich Herz eine Tochter hatte, die ich bereits von der Grundschule her kannte. Bei dieser Party vom Vizepräsidenten Michael Bob hatte ich mich dann aber nicht mit der Tochter, sondern mit der Mutter, also der Frau von Erich Herz unterhalten. Da die Dame schon einiges getrunken hatte, muss diese Unterhaltung wohl sehr angeregt gewirkt haben, jedenfalls merkte ich, dass der Herz schon öfter mal rübergeschaut hat. Mehr ist dann auch nicht vorgefallen, aber einige Tage später fragte mich dann Trainer Sebert, ob ich mit irgendjemandem aus dem Präsidium Probleme hätte. Bei jeder Sitzung würde Erich Herz davon reden, dass ich weg müsse. Ich habe ihn dann aufgeklärt, und Sebert meinte, dass er sich schon so etwas gedacht hätte.

In den folgenden Monaten haben Sie trotzdem kaum mehr gespielt.

Das stimmt, aber ich bin selbstkritisch genug, um die Gründe dafür eher in meinen damaligen Leistungen zu suchen.

Sie sind ja im Berlin der 80er Jahre aufgewachsen. War es für Sie schwierig, bei Partys von Klassenkameraden enthaltsam zu bleiben, wenn mal wieder die Joints rumgereicht wurden?

Nein, denn davon habe ich mich immer distanziert. Ich wollte eben schon mit sechs Jahren Profifußballer werden und wusste, dass man dafür eine gewisse Disziplin mitbringen muss. Ich hatte zwar auch mal eine Sturm- und Drangphase mit Diskothekenbesuchen usw., aber gekifft habe ich nie. Ich kann ja noch nicht einmal rauchen, und erst recht nicht auf Lunge.

Ein Torhüter der U 21 Nationalmannschaft ist ja vor kurzem als Konsument von Haschisch in die Schlagzeilen gekommen. Sein Trainer Uli Stielike sagte daraufhin, dass dieser Spieler nie wieder für eine deutsche Auswahl spielen dürfe. Teilen Sie diese Meinung?

Nein, ich halte das für völlig verkehrt. Das sind ja junge Spieler, die halt gewisse Erfahrungen machen. Gerade dann sollte es die Aufgabe eines guten Trainers sein, so einen Spieler auf den richtigen Weg und nicht in eine Sackgasse zu führen.

Könnten Sie mal schildern, wie es vor etwa einem Jahr zu Ihrer Suspendierung beim FC St. Pauli gekommen ist?

Ich denke, dass da viele Faktoren eine Rolle gespielt haben. Ich war ja damals stellvertretender Kapitän und insofern auch Ansprechpartner für viele Spieler. Allerdings hatte ich mit Holger Stanislawski einen Spieler gegen mich, der einfach mehr Einfluss hatte als ich, auch was die Fans betraf. Mit dem damaligen Manager Stephan Beutel hatte ich ja bereits Gespräche darüber geführt, dass ich vielleicht auch nach meiner aktiven Laufbahn in einer anderen Funktion beim Verein bleiben könnte. Als Stanislawski das mitbekam, hat er ganz gezielt versucht, die Leute auf seine Seite zu bringen und gegen mich zu schießen. Stanislawski ist schon so jemand, der schaut, in welche Richtung der Wind weht, um dann sein Kapital daraus zu schlagen. Nach dem Abstieg aus der 1. Liga war es dann so, dass ich aufgrund meiner Erfahrung offen angesprochen habe, dass wir uns vorsehen müssen, nicht in die 3. Liga durchgereicht zu werden. Als Trainer Demuth abgelöst und erst einmal Philipkowski Trainer wurde, hatte ich mit Philipkowski ein Gespräch. In dem Gespräch meinte er zu mir, dass er den Zustand der Mannschaft genauso beurteilt und deshalb auch nur vorübergehend Trainer sein möchte. Nur 3 Tage später rief dann Franz Gerber den Mannschaftsrat zusammen und fragte uns, was wir davon halten würden, wenn Philipkowski auf Dauer Trainer wird. Die anderen waren dann dafür, aber ich sagte, dass ich es ihm zwar zutrauen würde, es aber in unserer Situation besser fände, wenn ein Neuer kommt. Außerdem berichtete ich von meinem Gespräch mit Philipkowski, und meinte, dass das wohl auch für ihn selbst kein Thema sei. Ich nehme mal an, dass Gerber dann zu Philipkowski gegangen ist, und die Sache so dargestellt hat, dass ich mich gegen ihn ausgesprochen habe. Jedenfalls war ich kurz danach bekanntlich nicht mehr dabei.

Inwieweit haben Sie solche Erfahrungen im Profifußball auch als Mensch verändert?

Von meinem Naturell bin ich ja jemand, der zuerst das Gute im Menschen sieht und nicht besonders misstrauisch ist. Aber durch manche Erfahrung ist mein Vertrauen gegenüber anderen manchmal tatsächlich nicht mehr ganz so vorbehaltlos wie früher, obwohl ich mich eigentlich gegen diese Einstellung sträube.

Einige ehemalige Hertha-Spieler wie Kretschmer oder Covic spielen ja heute wieder bei Hertha BSC, wenn auch nur bei den Amateuren. Wären Sie auch gerne zurückgekommen?

Ich hätte mich da wohl nicht gegen gewehrt, aber die Amateurmannschaft von Hertha BSC dient ja vor allem dazu, jüngere Spieler voranzubringen. Da reichen denen die wenigen älteren Spieler, die sie bereits haben. Außerdem fühle ich mich jetzt bei Tennis Borussia sehr wohl, deshalb gehe ich fest davon aus, dass ich meine Karriere dort auch beenden werde.

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