30 Dirk Greiser

Foto und Interview: Oktober 2003

Sie sind 1988 zu Hertha BSC gekommen, als die Mannschaft gerade noch das gemeinsame Erlebnis des Aufstiegs in die 2. Liga hatte. War es dadurch schwer, als neuer Spieler hinzuzukommen?

Das kann man schon so sagen. Eine Mannschaft, die aufsteigt, hat ja im Prinzip automatisch ein großes Zusammengehörigkeitsgefühl. Nach dem Aufstieg gab es dann aber leider ziemliche Grüppchenbildungen, teilweise wurde sogar gegen bestimmte Personen gearbeitet. Als Neuer hatte man es damals tatsächlich nicht besonders einfach. Gerade so einige Spieler, die dann plötzlich nicht mehr zur 1. Wahl gehörten, vertraten schon mal die Auffassung, dass alles so bleiben sollte wie zu Amateuroberliga-Zeiten.

Kurz nach Beginn der Saison wurde Trainer Sundermann entlassen. Angeblich soll dem eine Mannschaftssitzung vorausgegangen sein, in der sich die Mannschaft einstimmig gegen ihn ausgesprochen hat.

Das ist falsch, so eine Sitzung gab es nicht. Es wird eher so gewesen sein, dass es mit den damaligen Führungsspielern vermutlich Gespräche gegeben hat. Für mich kam die Entlassung aber dennoch überraschend, weil das Verhältnis von Präsident Roloff zu Trainer Sundermann ja eigentlich ein sehr gutes war.

Sein Nachfolger wurde Werner Fuchs, der bis heute einer der beliebtesten Hertha-Trainer ist. Aus Ihrer Sicht zurecht?

Auf jeden Fall. Besonders deshalb, weil er nicht nur über seine natürliche Autorität in der Lage war, einen Draht zur Mannschaft zu finden, sondern weil er auch ganz konkrete Vorstellungen hatte, wie man was in der Mannschaft verbessern konnte. Er hat gerade mit so jungen und unerfahrenen Spielern wie Lünsmann oder Kretschmer ganz gezielt gearbeitet und ein ganz klares System gehabt, auch im Hinblick darauf, wem er Verantwortung übertrug. Zudem waren wir auf den Führungspositionen so gut besetzt, dass sich die Vorstellungen des Trainers auch umsetzen ließen. Und wenn ein Walter Junghans, der ja viele Trainer erlebt hat, ihn als seinen besten Trainer überhaupt bezeichnet, dann heißt das schon etwas.

Wie haben Sie vom plötzlichem Tod Ihres ehemaligen Trainers Werner Fuchs erfahren?

Aus der Zeitung. Ich bin damals auch mit einigen befreundeten Ex-Spielern wie Walter Junghans, Frank Mischke und Theo Gries zu seiner Beerdigung gefahren. Mir tat es auch für seine Familie sehr leid, die wir damals ebenfalls gut kannten. Wir hatten ja ein sehr enges Verhältnis zu ihm, daher war der Schock natürlich sehr groß.

Als Abwehrspieler haben Sie vergleichsweise viele Tore erzielt. Hing das mit Ihrer Spielweise insgesamt zusammen oder damit, dass Sie einfach Trainer hatten, die Ihnen diese Freiheiten nach vorne ließen?

Es war wohl von beidem ein bisschen. In erster Linie hing es damit zusammen, dass ich erst in der letzten Phase meiner Jugendzeit nach hinten gerückt bin. Ich habe ja mal als Rechtsaußen angefangen und eigentlich immer offensiv gespielt. Erst in der A-Jugend bin ich dann aufgrund meiner Körpergröße nach hinten gerückt. Der Zug zum Tor ist aber natürlich trotzdem geblieben, das kann man auch nicht so einfach abstellen.

Der Aufstieg in die 1. Liga fiel damals genau in die Zeit des Mauerfalls. Wie haben Sie diese Wochen erlebt?

Ganz fundamental war ja damals das Spiel gegen Wattenscheid, das am Wochenende nach dem Mauerfall stattfand. Die DDR-Bürger hatten an dem Tag freien Eintritt und insgesamt waren wohl etwa 50.000 Zuschauer im Stadion. Ich selber war an diesem Tag leider verletzt und habe das Spiel nur von der Bank aus mitverfolgt, aber die Atmosphäre war schon großartig. Merkwürdigerweise sind dann danach im Schnitt nicht unbedingt mehr Zuschauer ins Stadion gekommen. Es war aber insgesamt eine sehr spannende Zeit. Ich kann mich auch noch erinnern, dass ich damals mal eine Woche mit Axel Kruse zur Behandlung bei Dr. Müller-Wohlfahrt war. Da haben wir diese ganze Thematik sehr ausführlich besprochen, insbesondere auch seine damalige Flucht aus der DDR.

Irgendwie schien es damals ja so, als hätte Berlin andere Dinge zu tun, als von dem Aufstieg von Hertha BSC groß Notiz zu nehmen. Waren Sie von der geringen Resonanz enttäuscht?

Im Verhältnis zum Aufstieg 1997 hatten wir in den entscheidenden Spielen tatsächlich deutlich weniger Zuschauer. Ich bin aber auch nicht der Typ, der diesen Sachen irgendwie nachhängt und der Meinung ist, dass das alles besser hätte laufen können. Es war trotz allem eine sehr schöne Zeit. Natürlich hätte ich gerne etwas öfter im vollen Stadion gespielt, aber das war eben damals nicht so. Ich bin in dieser Beziehung aber ohne jeden Neid – übrigens auch in Bezug auf die heutigen Spielergehälter. Ich gönne den Spielern jeden Cent, auch wenn die Größenordnungen von der Öffentlichkeit oftmals nicht verstanden werden.

Wie beurteilen Sie Werner Fuchs’ damalige Trainer-Nachfolger Pal Csernai und Peter Neururer?

Ich glaube, dass Csernai schon ein ganz guter Trainer war, aber in dieser Situation halt definitiv nicht der richtige Trainer für uns. Er ist aus meiner Sicht eher so jemand, der mit fertigen Spielern etwas erreichen kann. Natürlich ist er ein absoluter Fußballfachmann, aber wir hätten damals eher jemanden gebrauchen können, der gemeinsam mit der Mannschaft die Dinge anpackt. Wenn man so tief unten drin steckt, dann muss eigentlich schon alles stimmen, um da wieder heraus zu kommen. Und Csernai war eben so jemand, der sowohl in der Presse als auch in der Mannschaft ständig Reizpunkte gesetzt hat. Das hat dann sogar dazu geführt, dass Jan Halvorsen aus Wut mal eine Kabinentür zertrümmert hat. Csernai war eben auch sehr exzentrisch. Als er damals bei Bayern München Trainer war, hat Walter Junghans mal einen haltbaren Schuss ins Tor gelassen, woraufhin sich Csernai dann eine halbe Stunde lang an die Seitenlinie gestellt und demonstrativ nur noch auf ihn geschaut hat. Was nun Peter Neururer angeht, muss man sicherlich einige Sachen klarstellen, insbesondere, weil er hier ja nach wie vor einen ziemlich schlechten Ruf hat. Neururer kam damals in der Annahme, dass Michael Jakobs, Wolfgang Patzke und auch ich voll spielfähig sind, was ja nicht den Tatsachen entsprach. Als er hier anfing, war mit dieser Rumpfelf eigentlich nicht mehr viel zu holen. Deshalb würde ich ihm eigentlich am wenigsten die Schuld für den Abstieg geben.

Sie sind nun schon seit einigen Jahren als Anwalt tätig. Haben Sie nie darüber nachgedacht, in Richtung Spielervermittlung zu gehen?

Früher wäre ich schon bereit gewesen, im Bereich Vereinsmanagement etwas zu machen. Das war auch etwas, was von Hertha BSC mal angedacht war. Weil ich dann aber als Spieler zu Wattenscheid 09 ging, verlief das später im Sande. Ich habe aber auch als Anwalt heute noch viel mit dem Fußball zu tun, z. B. wenn man mal einem Spieler bei einem Transfer hilft. Manchmal bin ich auch ganz froh, dass ich den Fußball eher als passiver Beobachter wahrnehmen kann. Ich bin absolut keiner von denen, die ins Stadion gehen und jungen Spielern ihre Visitenkarte in die Hand drücken. Wenn ein Spieler auf mich zukommt, berate ich ihn zwar gerne in rechtlichen Fragen, aber Spielervermittlung in der heutigen Form wäre nichts für mich.

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