29 Walter Junghans

Foto und Interview: Juli 2004

Sie haben Ihre Profikarriere ausgerechnet beim FC Bayern München begonnen. Wie kommt man damit zurecht, wenn man von Anfang an schon so extrem gefordert wird?

Durch meine Spiele in der Hamburger Auswahl und in der Jugendnationalmannschaft hatte ich ja mit 18 mehrere Möglichkeiten, was einen Wechsel zu einem Bundesligisten angeht. Der FC Bayern hat sich damals schon dadurch angeboten, dass Sepp Maier bereits 35 Jahre alt war. Da habe ich mir natürlich ausrechnen können, dass er nicht mehr so lange weitermacht. Also dachte ich mir, ich lerne erst einmal ein paar Jahre als Ersatztorwart und trete irgendwann seine Nachfolge an. Aber als Sepp Maier dann seinen Autounfall hatte, ging das plötzlich ganz schnell, ich stand praktisch von einem Tag auf den nächsten im Tor. Am Anfang hatte ich schon ein paar Probleme, das nervlich zu verdauen, aber insgesamt lief das erste Jahr trotzdem ziemlich gut. Ich hatte ja auch nichts zu verlieren. Schwer war dann eher, die Erwartungen, die ich durch meine Leistungen bei den Leuten aufgebaut hatte, auch im zweiten Jahr zu bestätigen.

Danach gingen Sie zu Schalke 04. Was meinen Sie, warum das Verhältnis zu den dortigen Fans eher etwas unterkühlt war?

Ich hatte tatsächlich von Anfang an eine unheimlich schwere Zeit dort. Ich habe ja bei Schalke Norbert Nigbur abgelöst, der bei den Fans ein ziemlich großes Idol war. Dann kam auch noch erschwerend dazu, dass ich ein ehemaliger Bayern-Spieler war. Da war damals wirklich Hass mit im Spiel. Ich stand bei Schalke praktisch von Anfang an in der Kritik, aber selbst dort habe ich mich dann durchgesetzt. Ich habe einfach gekämpft und versucht, mich auf meinen Job zu konzentrieren. Einfach war das aber nicht, denn gerade als Torwart muss man nervlich schon auf der Höhe sein. Meine Frau hat mir damals wirklich sehr geholfen. Letztendlich war ich ja fünf Jahre bei Schalke, da kann dann natürlich auch nicht alles so schlecht gewesen sein.

Vielleicht haben Sie auch rein äußerlich etwas polarisiert; im Gegensatz zu vielen anderen damaligen Profis sah man Sie jedenfalls nie mit Zottelfrisur und Schnauzbart. Eigentlich würden Sie eher in die heutige Torwart-Generation um Hildebrand und Wiese passen, die ja auch einen gewissen Wert auf ein gepflegtes Äußeres legen.

Natürlich habe ich meine damalige Frisur gemocht, sonst macht man das ja auch nicht. Vielleicht konnten es einige Leute zu der Zeit tatsächlich nicht akzeptieren, wenn sich ein Spieler mal etwas anders dargestellt hat als die meisten anderen Spieler. Gut möglich, dass ich da in gewisser Weise ein Vorreiter war. Heute scheint es jedenfalls wesentlich einfacher zu sein, als Fußballer seinen eigenen Stil zu haben.

Eigentlich waren Sie ja ein Torwart, dem nur wenige Fehler unterliefen, doch die wenigen waren meistens so spektakulär, dass sie den Leuten in Erinnerung geblieben sind. Haben Sie den Eindruck, dass dadurch Ihre Gesamtleistung als Torwart über die Jahre falsch beurteilt wurde?

Das mag sein. Klar waren da einige grausame Dinger dabei, das muss man schon zugeben. Bei Hertha habe ich dann aber zu einer großen inneren Ruhe gefunden, ich habe mich in der Stadt und bei dem Verein einfach wohlgefühlt. Das ist schon sehr wichtig für einen Profi, um konstant gute Leistungen bringen zu können.

Sie hatten gerade am Anfang Ihrer Karriere auch einen Ruf als regelmäßiger Diskogänger. Gab es auch mal Ärger deswegen?

Ja, in München hatte ich mit Uli Hoeneß mal ein bisschen Theater. Ich bin halt nach dem Spiel gerne mal mit Freunden weggegangen, meistens war dann auch am nächsten Tag kein Training. Ich denke aber, dass das im Vergleich zu anderen Spielern damals noch im Rahmen war. Man braucht halt ab und zu einen Tag, an dem man auch mal andere Leute sieht. Ich habe das damals zwar nicht übertrieben, aber wenn dann die Leistung mal nicht so stimmt, wird das eben gerne mal hochgehängt. Dann wurde man vielleicht mal an einem Dienstag in der Disko gesehen, der nächste erzählte dann schon etwas von Donnerstag und plötzlich hieß es, man sei am Tag vor dem Spiel feiern gewesen. So etwas hätte ich aber nie getan, da hätte ich viel zuviel Schiss gehabt, dass das vielleicht rauskommt. Schließlich könnte man sich ja kaum hinstellen und behaupten, dass das die Leistung fördern würde.

Wie sind Sie 1987 als gestandener Erstligatorwart in die 3. Liga zu Hertha BSC gekommen?

Erst einmal habe ich gedacht, dass Hertha ein Verein ist, der in die 1. Liga gehört. Ich hatte mir damals einfach gewünscht, daran teilzuhaben, wie dieser Verein zunächst in die 2. und dann in die 1. Liga aufsteigt. Allerdings hatte ich mir nicht vorgestellt, dass es so schwer ist. Das war schon ziemlich hart, in der Amateuroberliga teilweise noch nicht einmal auf einem Rasenplatz spielen zu können. Trotzdem war der Aufstieg in die 2. Liga für mich einer meiner schönsten Erfolge überhaupt.

Der Aufstieg war damals durchaus knapp. Während der Aufstiegsrunde musste die Mannschaft sogar ein 1:6 beim MSV Duisburg verdauen.

Stimmt, nach dem Spiel dachten wir schon fast, die Sache wäre gegessen.

Hatten Sie einen Plan B für den Fall des Nichtaufstiegs?

Nein, den gab es nicht. Wenn ich etwas mache, dann bin ich mit Haut und Haar bei dem Club. Ich hatte eigentlich nie das Bestreben, Hertha BSC zu verlassen.

Sie haben in den Jahren bei Hertha BSC von Alfred Weh bis zu Marco Sejna ja so einige Ersatztorhüter hinter sich erlebt. Wer hat Ihnen denn in diesen Jahren am meisten Druck gemacht?

Das waren eigentlich alles gute Jungs. Bei Marco Sejna haben ja damals alle gesagt, dass er mich in seiner Art zu spielen schon ein wenig kopiert. Ich kann mir selbst nicht erklären, warum ihm nie so ganz der Durchbruch gelungen ist. Christian Fiedler habe ich damals noch nicht so wahrgenommen, weil er meistens bei den Amateuren gespielt hat. Dass er sich jetzt wieder durchgesetzt hat, freut mich aber für ihn. Es ist ja nicht gerade einfach, auch mal jahrelang nicht zu spielen und nur zu hoffen, dass man irgendwann mal seine Chance bekommt. Ich weiß noch, wie das zu meiner Zeit als Stammtorwart war. Da ist man teilweise ganz anders mit Verletzungen umgegangen, nur, um dem Konkurrenten nicht die Möglichkeit zu geben, sich zu präsentieren. Man konnte eben nie wissen, ob man nach einer auskurierten Verletzung sofort wieder seinen Stammplatz hatte.

Warum hatte Jan Halvor Halvorsen bei Trainer Stange plötzlich einen so schweren Stand?

Ich glaube, dass Stange als Trainer einfach gesehen hat, dass Halvorsen kein guter Fußballer war. Er hat ihn einfach nur als Verteidiger gesehen und ihm sogar mal gesagt: „Bitte bleib’ hinten und geh’ nicht über die Mittellinie.“ Trotzdem hat er in die Mannschaft gut reingepasst und war aus meiner Sicht ein guter Manndecker. Dass zwischen Stange und Halvorsen etwas Persönliches war, glaube ich eigentlich nicht.

Hat es Ihnen persönlich gut getan, dass Sie sich bei Hertha plötzlich in der Rolle des Publikumslieblings wiedergefunden haben?

Klar, dabei war es am Anfang ja auch nicht unbedingt so, dass alle gejubelt hätten. Man ist selten von Anfang an der Publikumsliebling. Ich denke, bei mir war es ähnlich wie bei Theo Gries, ich habe mir das über die Leistung erarbeitet. Die Fans honorieren eben auch, wenn man in einer schwierigen Zeit zum Verein kommt und nicht wenn alles in der Blüte ist.

Mit welchen Gefühlen haben Sie eigentlich 1993 in den ersten Wochen nach Ihrer Suspendierung die Spiele von Hertha BSC verfolgt?

Wenn man in so einer Situation als Spieler betroffen ist, dann will man natürlich, dass das zumindest keine positiven Auswirkungen hat. Ein wenig bitter war dann für uns, dass die Mannschaft direkt nach unserer Suspendierung einen Auswärtssieg gelandet hat. Da haben sich einige wahrscheinlich bestätigt gefühlt, dass diese Maßnahme richtig war. Erst später hat man dann gesehen, dass das offenbar nicht so gewesen ist.

Für Sie fing die Saison 1993-94 ja ohnehin nicht besonders gut an. Als Sie bei einem Rückpass über den Ball schlugen und der Ball ins Tor rollte, wurde dieser Treffer prompt zum Tor des Monats gewählt.

Damals wurde gerade die Rückpassregelung neu eingeführt, an die man sich als Torwart erst einmal gewöhnen musste. Wer das im Fernsehen gesehen hat, konnte erkennen, dass ich für diesen Treffer nichts konnte, weil der Ball vor mir einfach extrem hoch gesprungen ist. Aber das hat dann eben wieder in irgendein Klischee reingepasst. Die Sache war halt auf Verarsche ausgelegt, deshalb war ich schon ziemlich sauer.

Sie wurden damals auch ins Studio eingeladen, haben diese Einladung jedoch nicht angenommen.

Im Nachhinein war das ein Fehler von mir. Heute würde ich da wohl schon hinfahren um mich zu wehren, denn bei der Sportschau besteht ja die Möglichkeit, so etwas dann auch live zu kommentieren. Wahrscheinlich hätte ich das tun sollen, denn das war einfach kein guter Stil.

Heute sind Sie Torwarttrainer bei Athletic Bilbao. Wie kam es dazu?

Ich bin mit Jupp Heynckes über Lissabon zu Bilbao gekommen. Der Torwart, den ich dort trainiere, ist immerhin die Nummer drei in Spanien. Ich fühle mich in Bilbao wirklich sehr wohl und mache jetzt eben einfach weiter.