28 Taskin Aksoy

Foto und Interview: April 2005

Sie sind ja eigentlich eher als Spieler von Tennis Borussia bekannt. Trotzdem vermute ich, dass gerade Ihre frühen Jahre bei Hertha BSC sehr prägend für Sie waren.

Mit Sicherheit. Als ich mit neun Jahren zu Hertha kam, da war Hertha BSC ja der einzige Verein, den ich überhaupt kannte. In dem Alter war ich es leid, über Fußball immer nur aus dem Fernsehen oder aus Zeitungen zu erfahren, ich wollte selbst spielen.

War Jürgen Sundermann denn ein guter Trainer für einen jungen Spieler wie Sie?

Ich hatte ja das Glück, dass ich zur Oberligazeit von Hertha gerade aus der A-Jugend kam. Bis dahin hatte ich nie das Bestreben, mit Fußball Geld zu verdienen, das war für mich eher ein Hobby. 1986 gab es dann allerdings einige sogenannte Sichtungsspiele, an denen auch ich teilnahm und bei denen ich ziemlich gut war. Ich kann mich sogar noch an Zeitungsartikel erinnern, in denen Sundermann damals mit Sätzen wie „Das ist mein Mann“ oder „Der spielt wie Beckenbauer“ zitiert wurde. Für einen 18- oder 19-Jährigen ging das natürlich runter wie Öl. Sundermann hatte ja auch kurz zuvor in der Türkei gearbeitet, und war wohl noch stark beeindruckt von der dortigen Gastfreundschaft, deshalb gab es auch mir gegenüber keinerlei Berührungsängste. Anfangs hatte ich also noch ziemlich viel Kredit bei ihm, das änderte sich jedoch in der Aufstiegsrunde 1988. Dort saß ich plötzlich nur noch auf der Bank. Da dachte ich mir dann, wer in der Aufstiegsrunde nicht spielt, der wird erst recht nicht in der 2. Liga spielen, und bat deshalb Manager Wolter um Auflösung meines Vertrages. Kurz danach gab es dann ein Gespräch mit Sundermann, in dem er mir jede Menge Versprechungen machte. Tatsächlich habe ich dann unter ihm aber keine einzige Minute in der 2. Liga gespielt, bei meinen beiden Kurzeinsätzen war schon Werner Fuchs Trainer bei Hertha. Deshalb habe ich Sundermann bei seiner Verabschiedung auch nicht mehr die Hand gegeben. Ich war einfach zu enttäuscht darüber, dass er mich so links liegen ließ.

Wie ging es danach unter dem neuen Trainer Fuchs für Sie weiter?

Wie gesagt, ich kam unter ihm zunächst auf zwei Kurzeinsätze. Irgendwann trat er jedoch an mich heran und fragte mich, ob ich etwas dagegen hätte, wieder vorübergehend zu den Amateuren zu gehen, um Spielpraxis zu bekommen. Ich habe das dann so interpretiert, dass er mich nur loswerden will, um dann neue Spieler kaufen zu können. Als ich mich dann weigerte, war ich bei ihm natürlich erst recht unten durch. Im Nachhinein muss ich sagen, dass das vielleicht ein Fehler war, ich hätte damals wahrscheinlich mehr Geduld haben müssen. Stattdessen habe ich dann um Vertragsauflösung gebeten und bin in die Türkei gewechselt.

Seit dem 70er Jahren gab es nur eine Handvoll türkischer Spieler bei Hertha BSC. Wenn man mal den türkischen Anteil an der Bevölkerung hier in der Stadt sieht, ist das eher unterdurchschnittlich. Was meinen Sie, woran das lag?

Das ist eine schwere Frage. Es war wohl nicht unbedingt die Politik bei Hertha BSC, türkische Spieler zu fördern, das muss man schon so sagen. Gab es zwei gleich begabte Spieler aus der Jugend, der eine deutscher und der andere türkischer Herkunft, dann wurde hundertprozentig der deutsche Spieler gefördert. Ich weiß nicht, womit das zusammenhing. Zu meiner Zeit hatte ich eben das Glück, dass der Verein damals auf Spieler wie mich mehr oder weniger angewiesen war.

Viele Hertha-Fans galten damals ja auch nicht gerade als besonders tolerant gegenüber ausländischen Spielern. War auch das vielleicht ein Grund für die Zurückhaltung des Vereins?

Mag sein, dass das einer der Beweggründe war. Ich könnte allerdings nicht nachvollziehen, wenn sich der Verein da tatsächlich von einigen Fans hat erpressen lassen. Zu meiner Zeit in der Oberliga habe ich mich jedenfalls nie unwohl gefühlt, wenn ich aufgelaufen bin. Das könnte allerdings auch damit zusammenhängen, dass das die Phase war, in der wirklich nur die richtigen Fans im Stadion waren. Einige Jahre vorher hatte ich als Zuschauer im Olympiastadion schon manchmal ein etwas mulmiges Gefühl wenn ich mich in der Nähe von bestimmten Hertha-Fröschen aufhielt.

Mit welchen Mitspielern hatten Sie damals den besten Kontakt?

Besonders natürlich mit Sezgin Aksakal, mit dem ich damals auch zusammen an der TU studiert habe. Darüber hinaus noch mit den eher jungen Spielern wie Baßmann, Henkel, Cakal, Bilek und Blüthmann.

Gab es denn auch Mitspieler, mit denen Sie überhaupt nicht konnten?

Die gab’s auch. Peter Loontiens etwa, oder Christian Sackewitz. Die wollten nur ihr eigenes Ding durchziehen, was ja auch ihr Recht war, aber damals hat man das als junger Spieler nicht unbedingt verstanden. Von denen wurden die jungen Spieler auch öfter mal zurechtgewiesen. Das war eben auch so ein Graben in der Mannschaft zwischen jung und alt. Nur wenige etablierte Spieler wie z. B. Walter Junghans zeigten sich auch gegenüber jüngeren Spielern aufgeschlossen.

An der Stelle würde ich Sie auch gerne noch um ein paar weitere Kommentare zu Ihren ehemaligen Mitspielern bitten. Welche Meinung hatten Sie etwa von Christian Niebel?

Mit dem konnte man sehr gut klarkommen. Christian Niebel war auch keiner, der den großen Max innerhalb der Mannschaft gemacht hätte. Er wusste um seine fußballerischen Fähigkeiten genauso wie um seine Schwächen.

Robert Jüttner?

Recht angenehmer und ziemlich nachdenklicher Typ. Auch fußballerisch war er ja nicht unbedingt der Rustikale, sondern spielte eher filigran. Davon hätte sich damals manch anderer etwas abschneiden können.

Frank Dietrich?

Habe ich als sehr naiv in Erinnerung. Der wollte mit jedem gut auskommen und hat selbst unmittelbare Konkurrenten gar nicht als Konkurrenten empfunden.

Helmut Rombach?

War ganz dick mit Thomas Freudenstein befreundet. Das waren ziemliche Egoisten, die Kameradschaft in der Mannschaft hat sich durch die beiden jedenfalls nicht gerade verbessert. Trotzdem konnte man eigentlich nichts gegen sie sagen, weil sie zweifellos ihre Leistung gebracht haben. An dem Aufstieg 1988 hatten sie definitiv ihren Anteil.

Zurück zu Ihnen: Stimmt es, dass Sie Anfang der 90er eigentlich lieber in der Türkei geblieben wären, wenn nicht der Einzug zum Militär gedroht hätte?

Das stimmt, ich war dort sehr zufrieden. Es war finanziell okay und auch sportlich super. Damals habe ich ja sogar einige Spiele im Europapokal vor vollen Stadien absolviert. Ich hatte tatsächlich geplant, dort zu bleiben, aber dann kam eben der Einberufungsbefehl und das wollte ich mir als Familienvater von zwei Kindern nicht antun.

Was halten Sie vom möglichen EU-Beitritt der Türkei?

Ich würde ihn begrüßen und kann auch das ganze Angstgerede, das von einigen konservativen Politikern kommt, nicht ganz nachvollziehen. Es wird definitiv nicht dazu kommen, dass plötzlich ganz viele Türken in andere EU-Staaten ziehen wollten. Diese Politiker sollten wirklich mal selbst in die Türkei fahren und sich anschauen, was aus den dortigen Großstädten mittlerweile geworden ist.

Haben Sie den Film „Gegen Die Wand“ gesehen, in dem türkisches Leben in Deutschland thematisiert wurde?

Nein, den habe ich leider nicht gesehen.

Die türkische Hauptdarstellerin hatte große Probleme mit ihrer Familie als herauskam, dass sie früher in Pornofilmen mitgespielt hatte. Welche Einstellung hätten Sie dazu gehabt?

Ich persönlich bin der Meinung, dass sie alt genug war, und deshalb tangiert mich das auch nicht. Andererseits ist das für mich als Außenstehender natürlich leicht gesagt. Wie man da selbst reagiert hätte, kann ich nicht sagen. Ich denke, es wäre wohl auch in deutschen Familien ein Problem gewesen, wenn sich jemand auf diese Weise geoutet hätte. Ich glaube nicht, dass sie mit dieser „Vergangenheit“ nur in einer türkischen Familie Schwierigkeiten bekommen hätte.

Wieder mal eine Fußball-Frage: In der Saison 1993-1994 waren Sie ja in der Zweitligamannschaft von Tennis Borussia gesetzt. Wenn man sich heute anschaut, wer noch so in der Mannschaft war, kann man kaum glauben, dass diese Mannschaft nicht den Klassenerhalt geschafft hat.

Eigentlich hatten wir ja von Anfang an eine ziemlich gute Mannschaft, bloß haben halt die Ergebnisse nicht gestimmt. Anstatt uns etwas Zeit zu geben, wurden dann ständig Spieler nachgekauft, die bei ihren alten Vereinen keine Spielpraxis hatten. Die Mannschaft konnte sich eigentlich nie richtig finden.

Haben auch die Trainer Kremer und Sidka Fehler gemacht?

Klar, da hat jeder seinen Teil dazu beigetragen. Kremer war eigentlich ein netter Mensch, der aber einfach keinen Erfolg gehabt hat. Vielleicht hätte er öfter mal etwas durchgreifen müssen. Zu Sidka hatte ich dagegen überhaupt keinen Draht. Der kam damals zu uns und hat von Anfang an alles niedergemacht. Das kann eine Mannschaft, die sowieso schon unten steht, natürlich nicht unbedingt gebrauchen. Ständig kamen Sprüche wie „Ihr könnt gar nichts“ oder „Ihr seid doch blind“, und wenn dann einer beim Waldlauf mit dem Pensum der anderen nicht ganz mithalten konnte, meinte er dann: „Genau das ist euer Problem, ihr könnt nur große Autos fahren!“ Er wollte sich bei uns einfach nur profilieren indem er den Arroganten und Autoritären rausgekehrt hat. Nach ein paar Monaten ist er dann ja auch gegangen worden. Aus meiner Sicht vollkommen zurecht.

Sie sind Tennis Borussia ja bis heute treu geblieben.

Das stimmt. Im Moment habe bei Tennis Borussia sogar zwei Funktionen. Zum einen betreue ich die B-Jugend des Vereins, zum anderen leite ich die Geschäftsstelle. Ich hätte gerne auch noch selbst ein wenig weitergespielt, aber das hätte ich dann nicht mehr unter einen Hut bringen können.