27 Christian Sackewitz

Foto und Interview: Februar 2004

Hertha BSC war 1986 der letzte große Club in Ihrer Laufbahn. Gab es nicht schon Ende der 70er oder Anfang der 80er Jahre mal Kontakte zum Verein?

Doch, die gab es schon, in erster Linie übrigens auf meine Initiative hin. Ich habe auch schon die Jahre zuvor öfter mal z. B. beim Gustav Eder durchblicken lassen, dass ich mir eine Rückkehr nach Berlin sehr gut vorstellen konnte. Leider ergab sich ein Vertrag dann erst, als Hertha BSC in der 3. Liga spielte, und ich aus familiären Gründen sowieso wieder in der Stadt war.

Im Prinzip könnte man sagen, dass Sie in der Fremde eine kleine Legende geworden sind, während Sie in Berlin wahrscheinlich nicht so häufig erkannt werden.

Ich denke, die Sache mit dem „erkannt werden“ ist eigentlich so oder so vorbei. Trotzdem hätte ich mir natürlich gewünscht, zu etwas glanzvolleren Zeiten bei Hertha BSC gespielt zu haben als während der Amateuroberliga-Zeit. Wenn man schon als Kind mit der Fahne im Stadion sitzt, dann möchte man eben auch gerne mal als Profi für seinen Lieblingsverein spielen. Trotzdem bin ich insgesamt sehr dankbar für meine Jahre als Profi-Fußballer, insbesondere auch für die Lebenserfahrung und die Kontakte, die sich in diesen Jahren angesammelt haben.

Sie haben in Bielefeld ja auch die Bekanntschaft des Trainers Otto Rehhagel gemacht.

Otto Rehhagel war damals allerdings noch nicht der Otto Rehhagel, den man aus den Jahren bei Werder Bremen kennt. In den 70er und 80er Jahren wurde man als Spieler ja allgemein vom Trainer noch etwas diktatorischer behandelt. Wenn man sich dann mit seiner Berliner Schnauze ab und zu mal gewehrt hat, dann kam das natürlich nicht immer so gut an. Rehhagel war eben auch so jemand, der einem nie erklärt hat, warum man ausgewechselt wurde. Richtig extrem war dann später Friedhelm Konietzka bei Bayer Uerdingen. Der hat sich in der ganzen Saison nur mit zwei oder drei Spielern unterhalten, die anderen waren für ihn sowieso nur Arschlöcher. Das war schon ziemlich grausam, schließlich braucht jeder Spieler mal etwas Anerkennung oder Zuspruch. Ich hatte aber natürlich auch andere Trainer. Mit Tippenhauer konnte man z. B. sehr gut reden, das habe ich ihm dann ja auch mit vielen Toren zurückgezahlt. Auch Aleksander Ristic hatte richtig was drauf, das war ein echter Trainer-Fuchs. Bei ihm merkte man wirklich, dass er mal Co-Trainer unter Zebec und Happel war und dabei auch eine Menge gelernt hat. Von Rehhagel kamen damals ja eher simple Sprüche wie „Ihr müsst jetzt wie die Schafe aufs Feld gehen, und dann legt ihr den Schafspelz ab und holt den Dolch raus“. Karl-Heinz Feldkamp war auch so ein Typ: Wenn man sich heute mit ehemaligen Spielern unterhält, dann sind sich die meisten einig, dass er vom Training eigentlich nicht so die große Ahnung hatte, und trotzdem sind die Spieler dann auf dem Platz marschiert. Aber so ist das eben manchmal: Der eine Trainer bückte sich und griff in Scheiße, während Feldkamp einen Klumpen Gold aufhob.

Vor einigen Jahren mussten Sie sich zwei Herzoperationen unterziehen. Kann man sagen, dass sich Ihre Sichtweise seitdem geändert hat? Sind Sie vielleicht gelassener geworden?

Schwer zu sagen. Man hat sich schon vorgenommen, einiges anders zu machen. Ich habe ja den großen Vorteil, dass ich mir meine Zeit in der Versicherungsagentur von Axel Lange frei einteilen kann. Trotzdem kann so eine Herzoperation selbstverständlich nicht dazu führen, dass ich bei meinem Job oder in meiner Eigenschaft als A-Jugend-Trainer von Hertha Zehlendorf weniger engagiert bin als vorher. Gerade wenn einen etwas im Fußball ärgert, ist es schwer, sein Naturell einfach so abzuschalten. Trotzdem gibt es natürlich Dinge, die ich heute langsamer angehen lasse und bewusster genieße als noch vor einigen Jahren. Ich war eigentlich nicht wirklich krank, vielmehr handelte es sich um Bakterienbefälle, von denen man nicht wusste, woher sie kamen. Insofern betrachte ich das auch eher als Unfall. Schrecklich war eben nur, dass es gleich zweimal passierte. Da macht man sich schon Gedanken um seine Familie und zeigt seiner Frau den Versicherungsordner. Man fragt sich eben, was ist, wenn man nicht wieder aufwacht. Heute schiebe ich das aber so gut es geht weg, denn sonst würde man ja vor Angst verrückt werden.

Halten Sie es für richtig, dass Schalke 04 einen Spieler wie Gerald Asamoah mit einem Herzfehler spielen lässt?

Das ist halt die alte Abwägung von Habgier oder Vernunft. Ich denke aber nicht, dass das etwas mit Schalke zu tun hat, andere Vereine würden sich vermutlich genauso verhalten. Man muss ja auch sehen, dass das auch der Spieler selbst will. Ich glaube sogar, ich würde es genauso machen. Obwohl es schon etwas makaber ist, dass bei Schalke Leute am Spielfeldrand stehen, die dann in einer kritischen Situation mit einem entsprechenden Apparat versuchen würden, sein Herz wieder zum Schlagen zu bringen. Vielleicht ist es für Asamoah sogar ein Vorteil, dass er so genau darüber Bescheid weiß. Ich vermute mal, der wird wahrscheinlich gesünder leben als manch einer seiner Mitspieler. Hätte man mich damals genauer untersucht, hätte man wohl auch feststellen können, dass ich zumindest schon mal eine Entzündung an meiner Herzklappe gehabt haben muss. Aber damals dachte ich mir, dann haut man sich eben Antibiotika rein, und dann ist gut. Wenn man dann am nächsten Tag mit leichtem Fieber wieder gelaufen ist, hat das keinen interessiert. Man muss sich fast wundern, dass nur so wenige umkippen. Bei Asamoah wird es ja nun zumindest so sein, dass er mit seinen Vorschädigungen nicht trainiert, wenn er erkältet ist. Andere werden da gewisse Anzeichen vielleicht eher übersehen wollen, schließlich ist man als Spieler vor allem auch hart gegen sich selbst.

Nochmal zu Ihrem Jahr bei Hertha BSC. Als Sie damals zum Verein kamen, haben Sie da professionelle Bedingungen vorgefunden? Welchen Eindruck hatten Sie?

An sich einen gar nicht so schlechten. Ich hatte damals mit dem Präsidenten und dem Vizepräsidenten einige gute Gespräche und die gemachten Zusagen wurden alle eingehalten. Das war bei früheren Vereinen von mir nicht immer so. Wir haben ja auch fast unter Profibedingungen trainiert, das war also schon ganz in Ordnung.

Sie waren in der Saison 1986-87 mit 26 Toren der mit Abstand beste Torschütze. Warum sind Sie eigentlich nicht über die Saison hinaus geblieben?

Ich bin quasi auf eine ganz unschöne Art entlassen worden. Wir waren ja Amateure und wurden bei irgendeiner Firma als Angestellte geführt und bezahlt. Insofern gab es auch keine richtigen Verträge, sondern nur mündliche Vereinbarungen. Bei mir war es dann so, dass ich damals plötzlich alleine schuld daran gewesen sein sollte, dass wir über die Aufstiegsrunde nicht in die 2. Liga gekommen sind. Die ganze Saison war ich der beste Torschütze und habe mich eingesetzt wie es nur ging, aber im letzten Aufstiegsrundenspiel gegen Remscheid knickte ich beim Stand von 1:0 nach 20 Minuten um und musste mich mit einer Adduktorenzerrung auswechseln lassen. Aus irgendeinem mir unerklärlichen Grund wurde mir dann nachgesagt, ich hätte keine Lust gehabt. Ich weiß auch noch, wie sich der damalige Torwart Funk die Treffer zum 1:1 und 1:2 mehr oder weniger selbst reingelegt hat, aber die Schuld für den verpassten Aufstieg hat man praktisch nur bei mir gesucht. Das war schon brutal, sich das restliche Spiel von der Tribüne aus mit ansehen zu müssen, auch die ganze Aufstiegsfeier war ja schon vorbereitet. Den nächsten Tag wurde ich dann in die Geschäftsstelle gerufen, wo mich der neue Manager Horst Wolter tatsächlich fragte, ob ich vielleicht etwas dagegen gehabt hätte, aufzusteigen. Danach hat er mir dann gesagt, dass ich die sofortige Freigabe erhalte. Von diesem Verhalten war ich damals sehr enttäuscht, weil ich natürlich sehr gerne auch noch in der 2. Liga für Hertha gespielt hätte. Dieses Gespräch mit Wolter ärgert mich sogar jetzt noch.

Teilweise muss es in dieser Saison aber auch ganz lustig gewesen sein, immerhin durfte sogar der langjährige Betreuer Nello Di Martino mal für einige Spiele im Tor stehen, wenn auch mit eher mäßigem Erfolg.

Es war vielleicht ganz spaßig, Nello im Tor zuzusehen, aber der Grund für diese Nominierung war ja der, dass dem Trainer praktisch gar nichts anderes mehr übrig blieb. Funk, der damals von Werder Bremen kam, war noch nicht spielberechtigt, und der Ersatztorwart war verletzt. Also musste eben Nello spielen. Und plötzlich lagen wir dann 0:3 gegen Tasmania zurück. Durch drei Tore von mir ging das Spiel dann aber wenigstens noch 3:3 aus. Michael Sziedat war damals Trainer bei Tasmania und hat die Spieler für meinen Geschmack ein wenig zu heiß gemacht. Jedenfalls hat mich einer seiner Spieler nach dem Spiel angespuckt. Den habe ich dann umgehauen, schließlich muss ich mir so etwas nicht bieten lassen. Danach kam auch noch die Polizei und es gab Gerede wegen einer Anzeige, aber das ist dann alles im Sande verlaufen.

Kamen sich eigentlich während der Saison 1986-87 einige der ehemaligen Profis ein bisschen blöd vor, plötzlich gegen kleine Berliner Amateurvereine spielen zu müssen?

Zu schade war sich da eigentlich keiner. Im Gegenteil, wir hatten alle die Einstellung, dass wir da jetzt eben durch müssen, um möglichst schnell wieder aufzusteigen. Nur Spieler wie Loontiens, die eben noch in der 1. Liga spielten, hatten zunächst ein paar Schwierigkeiten, ihr gesamtes Potential abzurufen. Das ist aber ganz normal, weil man in der 3. Liga eben nicht sofort dieselbe Spannung aufbauen kann, die man bekommt, wenn man in einem ausverkauften Erstligastadion aufläuft.

Am ehesten bringt man Sie mit Arminia Bielefeld in Verbindung. Würden Sie Ihre Jahre dort als Ihre schönste Zeit bezeichnen?

Ja, das ist ganz klar so. Ich habe noch heute sehr gute Kontakte nach Bielefeld und viele Freunde dort. Wenn die Bielefelder Traditionsmannschaft mal wieder ein Turnier spielt, dann werde ich oft angerufen und sage dann auch gerne zu. Für Bielefelder Verhältnisse war die damalige Aufstiegsmannschaft Ende der 70er ja auch so etwas wie eine Jahrhundertmannschaft. Auch wenn ich dort nicht aufgewachsen bin, habe ich durch diese fünf Jahre in Bielefeld dennoch die stärksten fußballerischen Wurzeln. Ich bin dort auch ungern weggegangen, aber wenn ein Verein wie Bayer Leverkusen dann plötzlich das Doppelte zahlt, muss man halt Profi genug sein, ein solches Angebot auch anzunehmen. Ein Jahr vorher hatte ich ja auch ein sehr verlockendes Angebot vom 1. FC Köln. Dort hätte ich dann Linksaußen spielen können, zusammen mit Dieter Müller als Mittelstürmer und Pierre Littbarski als Rechtsaußen. Diesen Wechsel hat Arminia Bielefeld mir jedoch verwehrt, weil ich dort noch einen Vertrag hatte. Der Uli Stein war zwar damals bei seinem Wechsel zum HSV auch noch an Bielefeld gebunden, aber der hat im Unterschied zu mir so lange Theater gemacht, bis man ihn gehen gelassen hat. Vielleicht hätte ich das auch tun sollen, aber hinterher ist man oft schlauer.

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