26 Alf Fistler

Foto und Interview: März 2006

Ihre Profi-Karriere begann 1984 bei Blau-Weiß 90. Können Sie sich noch daran erinnern, wie man dort auf den Konkurrenten Hertha BSC schaute?

Die Mannschaft von Blau-Weiß 90 war ja damals mehr oder weniger zusammengekauft, viele Spieler kamen aus Westdeutschland. Vermutlich war es gerade ein Vorteil, dass man kaum auf Hertha geschaut hat, weil die meisten Spieler die Situation in Berlin gar nicht kannten. Mich als Berliner hat Hertha vielleicht interessiert, aber damit war ich deutlich in der Minderheit. Die meisten anderen hatten nie das Gefühl, gegenüber Hertha etwas beweisen zu müssen. Der Verein ist auch so Schritt für Schritt erfolgreicher geworden.

Wer waren für Sie damals die Führungsspieler bei Blau-Weiß?

Selbst wenn er nicht gespielt hatte, war das zunächst einmal Holger Gehrke, aber genauso auch Norbert Bebensee, Peter Stark oder Jörg Gaedke. Leo Bunk dagegen war eher ein Ruhiger.

Jörg Gaedke wirkte auf viele etwas arrogant. Können Sie das bestätigen?

Ich glaube eher, dass er damals schon etwas weiter in seinem Auftreten war als viele andere Fußballer. Er wollte eben einfach nicht, dass so viele Leute an ihn herantreten und wirkte dadurch vielleicht etwas distanziert. Er war deshalb aber nicht überheblich, sondern einfach nur ein Typ, der halt nicht alles mitgemacht hat.

Kurz vor Ihrem Wechsel zu Hertha BSC gab es 1985 auch mal ein Probetraining bei Fortuna Köln.

Als Bernd Hoss damals Trainer bei Blau-Weiß wurde, sagte er mir sofort, dass ich unter ihm zwei Jahre lang nicht spielen werde. Wie ich überhaupt mal Spieler des Jahres werden konnte, wäre ihm vollkommen schleierhaft. Da ich das also wusste, hielt ich es für eine gute Idee, es mal außerhalb von Berlin zu versuchen. Fortuna Köln hatte damals auch Interesse, allerdings brauchten die einen Linksfuß, was ich nicht war.

Im selbem Jahr sind Sie dann zu Hertha BSC gewechselt. Wenn man sich Ihre Bilder bei Hertha BSC anschaut, fallen vor allen Dingen Ihre unterschiedlichen Frisuren auf: 1985 kurz, 1986 lang, 1987 kurz, 1988 lang.

Da habe ich mich eigentlich immer von meinem momentanen Gefühl leiten lassen, und da gab es eben einen großen Zwiespalt: Zum einen war ich großer Amerika-Fan und wollte so ein wenig wie die dortigen College-Boys aussehen, zum anderen gab es eben auch noch Kevin Keegan als großes fußballerisches Idol, und der hatte nun mal lange Locken.

Im Prinzip haben Sie in der schlechtesten Hertha-Phase überhaupt beim Verein gespielt. Entweder in der 2. Liga gegen die Abstieg oder in der 3. Liga. Wenn sie gekonnt hätten, dann hätten Sie sich das vermutlich anders ausgesucht.

Es war schon so, dass es auch in dieser Zeit andere Angebote gab, aber ich bin nun mal Berliner, da war mir auch das Geld relativ egal. Für mich war es eben das Größte, für die Stadt, für Hertha BSC zu spielen. Nicht, dass ich mich wegen des Abstiegs schuldig fühlte, aber es ist den Verantwortlichen schon ziemlich schnell gelungen, mich weiter an den Verein zu binden. Ich wollte eben, dass Hertha so schnell wie möglich wieder hochkommt. Warum ich dann nicht über 1989 hinaus blieb, war im Grunde ein Missverständnis. Manager Wolter hatte mir damals gesagt, dass der Verein nicht mehr mit mir plant, und deshalb bin ich dann ins Ausland gegangen. Es war ein großer Fehler, damals nicht mit Trainer Fuchs gesprochen zu haben, denn den habe ich eher zufällig vier Monate später getroffen. Fuchs fragte dann, warum ich eigentlich weggegangen wäre, er hätte eigentlich mit mir geplant. Das war der größte Fehler in meiner Karriere, denn sonst wäre ich vielleicht noch einige Jahre geblieben, selbst wenn es vielleicht auch mal Phasen als Ersatzspieler gegeben hätte.

Sie sind dann in die Türkei gegangen.

Stimmt, durch den Kontakt zu Jürgen Sundermann. In der ersten Zeit lief es dort auch ganz gut, aber dann habe ich gemerkt, dass die Türken sehr gerne so gewisse Spielchen mit einem treiben. Da wird dann plötzlich das Gehalt nur teilweise oder gar nicht gezahlt und solche Sachen. Als ich das dann nach einer Weile nicht mehr mitmachte, spielten sich exotische Dinge dort ab, bis hin zu Morddrohungen. Ich musste praktisch aus der Türkei flüchten.

Haben Sie eigentlich gelitten, als Ende der 80er die Serie „Alf“ ins Fernsehen kam?

Nein, die Serie fand ich sogar ganz witzig, und so wurde der Name wenigstens bekannt. Wenn ich damals jemandem gesagt habe, wie ich heiße, gab es aber schon auch mal Nachfragen, weil man das nicht richtig glauben konnte. Innerhalb der Mannschaft war das natürlich auch mal kurz ein Thema, aber Witze wurden da nicht gemacht. Dafür waren meine Mitspieler wohl auch schon zu alt.

Waren Sie zu Drittliga-Zeiten bei Hertha auch so etwas wie ein Bindeglied zwischen den ganz jungen und den älteren Spielern?

Ich denke schon. Zumindest hier in der Stadt wusste man ja auch, wer ich war. Damals hatte ich den Ruf als harter aber fairer Spieler, der immer alles abruft. Durch meine eigenen Erfahrungen konnte ich da bestimmt dem einen oder anderen jüngeren Spieler etwas helfen. Insgesamt war es aber so, dass ich eher ein Einzelgänger war. Ich hatte zwar mit keinem meiner Mitspieler Probleme, aber große Freundschaften gab es auch nicht. Da waren einfach nicht so viele Berührungspunkte, alleine schon dadurch, dass ich in meiner Freizeit in ganz andere Läden gegangen bin, z. B. ins Metropol. Eben nicht die Läden, wo einen jeder kannte. Dieses typische Fußballerleben war jedenfalls nie so mein Ding.

Haben Sie auch andere Musik gehört als Ihre Mitspieler?

Ich hatte damals ständig den Walkman auf und irgendwann sagte dann Uwe Kliemann vor der ganzen Mannschaft, ich solle ihm doch mal die Kassette rüberwerfen, die ich gerade gehört hatte. Als Kliemann die Kassette dann in den Rekorder steckte, dauerte es gerade mal fünf Sekunden, bis ich sie wieder hatte. Mit Musik wie der von Grandmaster Flash oder Soft Cell stand ich damals ziemlich alleine da.

Sie haben vor einigen Jahren bei Tennis Borussia mal ein Frauenteam trainiert. Gab es da für Sie als männlicher Trainer Situationen, die schwierig waren?

Nein, denn aus den persönlichen Dingen habe ich mich immer rausgehalten, sondern mich auf den rein sportlichen Austausch beschränkt. Ansonsten war es sehr wichtig, eine gewisse Distanz zu halten, denn wenn man das nicht tut, kommt man schnell mal in Verruf. Wenn die Mädchen z. B. geduscht haben, habe ich mich selbstverständlich sofort in meinen eigenen Raum zurückgezogen.

Gab es auch Phasen, in denen Ihnen der Fußball keinen Spaß mehr gemacht hat?

Wenn man in ein bestimmtes System reingedrückt wird, verliert man schon ein wenig sein eigenes Ich. Das verändert einen einfach in der Hinsicht, dass man sich bestimmte Dinge schon gar nicht mehr zutraut, weil es heißt, man sei ja in erster Linie Bestandteil des Systems.

Über Präsident Holst wurde schon viel gesprochen. Wie ist Ihnen denn sein Nachfolger Heinz Roloff in Erinnerung?

Heinz Roloff ist ja derjenige gewesen, der den Verein gerettet hat, das muss man einfach so klar sagen. Er war eben der Mann mit dem Scheckheft, und das, obwohl er selbst eigentlich keine Ahnung vom Fußball hatte. Man munkelt ja, dass man ihm damals so richtig schön das Geld aus der Tasche gezogen hat. Was ich toll fand, war die eine Situation auf dem Maifeld als die Mannschaft gerade ihr Abschlusstraining hatte. Da kam dann Roloff mit seiner tattrigen Art und lief mitten über den Trainingsplatz obwohl gerade Ecken geübt wurden. Er sagte dann vor der Mannschaft: „Ich habe das gute Recht, hier lang zu laufen, denn ich bin ja auch derjenige, der hier alles bezahlt.“ Das fand ich schon klasse. Er hatte halt auch etwas von einem Papa, und war beileibe kein Doofer. Ihm war schon klar, dass er eine Menge Geld in den Sand gesetzt hat. Natürlich ist mir nicht alles bekannt, was hinter den Kulissen so passiert ist, aber aus meiner Sicht war er ein Ehrenmann.