25 Matthias Westerwinter

Foto und Interview: Mai 2004

Als Sie 1985 mit 21 Jahren von Arminia Bielefeld zu Hertha BSC nach Berlin kamen, mit welchen Augen haben Sie da die Stadt gesehen?

Für mich war das damals ein Riesenschritt, weil ich in Bielefeld ja sogar noch bei meinen Eltern gelebt habe. Eigentlich sollte ich 1985 zu Aschaffenburg gehen, aber nachdem ich von Gregor Grillemeier empfohlen worden bin, haben Herthas Manager Kuntze und Trainer Kliemann alles daran gesetzt, mich nach Berlin zu holen. Erst hieß es, ich solle mir Berlin nur mal ganz unverbindlich anschauen, aber als ich dann da war, bin ich von allen Seiten so in den Schwitzkasten genommen worden, dass mir gar nichts anderes mehr übrig blieb, als doch noch zuzusagen. Gerade Trainer Kliemann habe ich schon seit den ersten Telefongesprächen sehr positiv und menschlich in Erinnerung. Als ich dann bei Hertha anfing, bin ich in der Kantstraße in die Wohnung unter Dirk Lellek gezogen. Das war fast so etwas wie eine Wohngemeinschaft, wir haben praktisch alles geteilt, was da war. Und wenn am Monatsende das Geld knapp wurde, haben wir die leeren Cola-Flaschen weggebracht. So hoch war unser Verdienst damals ja auch nicht, und als Junggeselle ist man halt nicht immer besonders vernünftig, was den Umgang mit dem Geld angeht. Dazu kommt, dass man in Berlin praktisch das pralle Leben direkt vor der Haustür hatte, man konnte ja sogar nachts um drei noch ins Restaurant gehen. Vielleicht hätten die jungen Spieler, die damals von außerhalb zu Hertha BSC kamen, etwas mehr geführt werden müssen, denn die Verlockungen der Großstadt sind für Leistungssportler natürlich nicht immer besonders förderlich.

Sie haben in dieser Saison bei Hertha ja gleich vier verschiedene Trainer kennen gelernt. Rudi Gutendorf war doch offenbar jemand, bei dem man nicht allzu viel tun musste. Gab es nicht auch Spieler, die das ganz dankbar angenommen haben?

Eigentlich sind ja die meisten Fußballer eher bequem. Auch ich war bestimmt einer von denen, die ab und zu mal einen Tritt brauchten. So gesehen war das unter Gutendorf schon ganz angenehm. Im Winter ist das Training einmal sogar drei Tage hintereinander ausgefallen, weil er der Meinung war, dass es zu kalt sei. Ich werde auch nie seinen ersten Auftritt beim Hallenturnier vergessen. Wir sollten damals einen Kreis bilden und Gutendorf meinte: „So, jetzt sprecht mir mal alle nach: Gam-ba-te!“ Das war japanisch oder koreanisch und bedeutete wohl soviel wie „Kampf“ oder „Freiheit“. Wir schauten uns dann ganz verdutzt an, und Grillemeier fielen vor Lachen fast die Jacketkronen aus dem Hals. Das war also Gutendorfs Einstand. Ich erinnere mich auch noch daran, wie ihm beim Training auf dem Maifeld immer sein Hut weggeflogen ist. Einmal flog er ihm sogar so weit weg, dass er ihn nicht mehr wiedergefunden hat und das Training abgebrochen wurde.

Nach Ihrem Jahr in Berlin sind Sie wieder zu Arminia Bielefeld zurückgekehrt. Stimmt es, dass Sie kurz danach auch schon einen Vertrag mit Wattenscheid 09 unterschrieben hatten?

Das ist richtig. Es gab damals eine Zeit, als Arminia Bielefeld kurz vorm Konkurs stand. Also habe ich jemanden vom Vorstand gefragt, ob er mir garantieren könne, dass es bei der Arminia weitergeht. Das konnte er nicht. Genau in dieser Phase kam dann das Angebot aus Wattenscheid. Ich wäre damals fast der erste Fall Bosman gewesen, weil ich der Meinung war, dass ein Fußballer unter solchen Voraussetzungen das Recht hätte, ablösefrei wechseln zu können. Also bin ich zu Wattenscheid gegangen und habe dort bereits mittrainiert, nur weigerte sich Bielefeld, mich freizugeben. Wir sind dann vor das Arbeitsgericht gegangen, wo mir nicht nur Arminia Bielefeld, sondern mit Neuberger, Eilers usw. praktisch auch der ganze DFB gegenübersaß. Irgendwann wurde mir die Sache dann zu heiß, weil so etwas leicht fünf Jahre dauern kann, und ich nicht wusste, wie ich das finanziell hätte regeln sollen. Also kehrte ich wieder nach Bielefeld zurück, wo ich wegen dieser Sache natürlich erst einmal der Buhmann war.

Zwei Personen, die bereits seit den 70er Jahren auf keinem Hertha-Mannschaftsfoto fehlen, sind Masseur Peter Bentin und Betreuer Nello Di Martino. Welche Bedeutung haben diese beiden aus Ihrer Sicht?

Zu Peter Bentin hatte ich ein sehr gutes Verhältnis. Das war jemand, mit dem man immer reden konnte. Auch seine Fitness hat mir damals ziemlich imponiert. Obwohl er wesentlich älter war als ich, hat er mich beim Hanteltraining regelmäßig abgehängt. Über Nello Di Martino muss ich dagegen heute noch schmunzeln. Eigentlich war er damals ja unser Betreuer, aber wenn die Mannschaft auf dem Flughafen stand, war er so ziemlich der Einzige, der sich nie um das Mannschaftsgepäck gekümmert hat. Mit seinem Nadelstreifen-Anzug tat er eher so, als wäre er auf Geschäftsreise, während alle anderen in der Zwischenzeit die Koffer schleppten.

Könnte es sein, dass Sie als Stürmer teilweise auch unterschätzt wurden, weil Sie rein von der Statur her nun mal nicht unbedingt der Brechertyp wie beispielsweise Horst Hrubesch waren?

Ich denke eher, dass meine Art Fußball zu spielen in Deutschland nicht so gut angekommen ist. In Italien oder Griechenland wäre vielleicht einiges anders verlaufen. Ich habe natürlich auch einige gute Spiele hier gemacht, aber wenn dann das Wetter schlechter wurde, wirkte sich das oft auch auf meine Leistungen aus, da bin ich ganz ehrlich. Bei minus sechs Grad auf dem Platz zu kämpfen war nicht unbedingt mein Ding, ich war wohl mehr so der Schönwetterfußballer. Irgendwie hat mich immer alles zum Süden oder zum wärmeren Klima hingezogen. Dazu passt wohl auch, dass meine Ex-Frau Ägypterin und meine jetzige Freundin Griechin ist. Ich denke, ich hatte fußballerisch schon ein ziemlich hohes Potential, allerdings war ich nie der extrem verbissene Typ, das war einfach nicht meine Lebensart.

Heute spielen Sie ja regelmäßig in der Traditionsmannschaft von Arminia Bielefeld. Wie ehrgeizig sind Sie denn bei diesen Spielen?

Ich bin da komischerweise manchmal ehrgeiziger als ich es damals als Profi war. Das war auch schon so, als ich nach meiner Profi-Karriere mit Manni Kaltz, Hansi Müller und dem Michael Rummenigge zwei Jahre in diversen europäischen Stadien Beach-Soccer gespielt habe. Ich denke, ich musste einfach auch erst einmal bestimmte Einschnitte kennen lernen, auch privat. Nach meiner Fußballerzeit bin ich jedenfalls in ein ziemliches Loch gefallen. Letztendlich war es dann mein ehemaliger Mitspieler Detlef Schnier, der mir dabei geholfen hat, in ein normales Arbeitsleben hineinzukommen. Gerade am Anfang meiner Karriere lief ja mit der U15, der U16 und der U18 vieles von selbst. Bis zu meinem 30. Lebensjahr kannte ich das Wort „Problem“ gar nicht, ich musste bis dahin nie kämpfen.

Der FC St. Pauli ist der erste namhafte Club, dessen Präsident sich zu seiner Homosexualität bekannt hat. Gab es in den 40 Jahren Bundesliga nicht auch den einen oder anderen schwulen Spieler?

Offen bekannt hat sich bisher keiner, aber bei zwei oder drei Spielern gab es zumindest Gerüchte. Die Namen kann ich jetzt aber natürlich nicht nennen, sonst hätte ich wahrscheinlich gleich eine Klage am Hals. Das waren ja schließlich auch keine ganz unbekannten Spieler. Einer von ihnen war immerhin sogar Nationalspieler.

Die 2. Liga galt ja schon zu Ihrer Zeit als Klopperliga. Ich schätze mal, das haben Sie als Stürmer ziemlich zu spüren bekommen.

Ich denke, die Spielweise war schon deshalb damals etwas härter, weil mit Fernsehbeweisen noch nicht soviel möglich war wie heute. Ich weiß noch, wie bei einem Spiel in Oberhausen der eine Oberhausener zum anderen sagte: „Der Westerwinter ist gerade am Knie operiert worden, hau ihm das Ding mal gleich wieder durch“. Da ging es manchmal schon ziemlich zur Sache. An einen Gegenspieler kann ich mich aus meiner Zeit bei Hertha BSC besonders gut erinnern. Schon vor dem Spiel bei Osnabrück hatte mich Uwe Kliemann vor dem Neale Marmon gewarnt. Der sagte mir damals überhaupt nichts, weil ich eigentlich nur die richtig bekannten Spielernamen im Kopf hatte. Als ich dann aber aufs Spielfeld kam, sah ich einen Berg vor mir, im Prinzip waren seine Oberschenkel so dick wie mein Oberkörper. Kurz vor dem Anpfiff kam Marmon dann zu mir und meinte: „Today I’ll kill you“. Ich habe da erst einmal meinen Ohren nicht getraut und mich gefragt, ob der jetzt wirklich mit mir gesprochen hat. Es war dann aber ziemlich schnell klar, dass er nur mich gemeint haben konnte. Beim ersten Zweikampf mit ihm bin ich etwa fünf Meter geflogen und beim zweiten war ich dann auch schon draußen. Und wie das eben manchmal so ist, habe ich ihn Jahre später in einer Diskothek in Mallorca getroffen und mich super mit ihm verstanden.

Hatten Sie eigentlich auch Erlebnisse mit weiblichen Fans?

Eine Krankenschwester hat mich mal regelrecht verfolgt, die stand teilweise bei meiner Familie und meiner Lebensgefährtin vor der Tür. Das ging dann so weit, dass ich sogar die Polizei einschalten musste. Heute kann ich natürlich darüber lachen, aber damals hat das ziemlich genervt. Ein anderer weiblicher Fan schrieb mir damals sogar, dass sie durch mich ihre Unschuld verlieren möchte. Dafür hatte sie auch schon einen Termin festgelegt, den ich dann aber natürlich nicht wahrgenommen habe.

An welche nicht-sportlichen Erlebnisse mit ehemaligen Mitspielern bei Hertha BSC können Sie sich besonders gut erinnern?

Wenn ich so an unsere Mannschaftsabende denke, da haben wir so gefeiert, dass schon mal die Gläser an die Wand flogen. Ich kann mich auch noch daran erinnern, dass ich einmal nach einer Karnevalsparty in Hanne Weiners Hotel am nächsten Tag nur mit meinem Schlafanzug, Cowboystiefeln und Weiners Pelzmantel bekleidet Richtung Innenstadt gelaufen bin. Da gab es Dinge, die darf man eigentlich gar nicht erzählen. Zum Beispiel bin ich ja am Dienstagabend oft mit dem Andy Köpke zu einer Diskothek in Rudow gefahren. Ich sehe ihn mit seinem klapprigen Golf GTI noch vor mir, da fiel schon fast der Auspuff ab. Wenn wir dann aus der Disko kamen, waren wir oft so betrunken, dass wir nachts schon mal mit dem Auto vor der Berliner Mauer standen und das Lenkrad nicht mehr herumbekamen.