23 Rainer Bonhof

Fotomontage, Original siehe unten

Foto und Interview: Juli 2006

Ihre Karriere bei Hertha BSC endete für Sie erst sportlich mit dem Abstieg und dann persönlich mit der Sportinvalidität. Ich vermute, das hatten Sie sich vor Ihrem Wechsel eigentlich anders vorgestellt.

Natürlich. Wir standen als ich kam zwar schon mit dem Rücken zur Wand, und trotzdem war ich da noch überzeugt, dass wir drin bleiben würden. Leider kam bei mir der Muskelabriss dazwischen, und wie sich dann später herausstellte, hatte sich damit dann auch meine Karriere erledigt. Ich habe zwar noch mal versucht, Fuß zu fassen, aber irgendwann gab es dann beim Training noch einmal einen Nachriss, und da war dann für mich klar, dass jetzt Schluss ist.

Hertha stand ja vor Ihrem Wechsel im Prinzip schon mit einem Bein in der 2. Liga. Was war denn Ihre Motivation für den Wechsel?

Wir hatten eigentlich einen guten Kader, mit dem man die Klasse auch hätte halten können. Und da mir klar war, dass ich beim 1. FC Köln nicht mehr spielen würde, wollte ich diese Herausforderung eben noch einmal annehmen. In Köln hätte ich nur noch auf der Bank gesessen, die Mannschaft war im Umbruch, und Trainer Rinus Michels hat mir deutlich zu verstehen gegeben, dass er mehr auf jüngere Spieler setzen würde. Und dann kam eben Wolfgang Holst und fragte mich, ob ich mir vorstellen könne, bei Hertha zu spielen.

Wolfgang Holst soll Ihre Verpflichtung Jahre später angeblich mit den Worten begründet haben: „Ich wollte schon immer mal einen Weltmeister im Team haben“. Wann wurde Ihnen klar, dass bei Hertha damals einiges etwas anders lief als bei anderen Vereinen?

Vor meinem Wechsel hatten wir eigentlich ein richtig gutes Gespräch. Oft kommen bestimmte Dinge ja erst raus, wenn man dann im Verein ist. Erst dann wird einem klar, dass einiges schon im Vorfeld doch nicht so seriös gelaufen ist wie man das angenommen hat. Da ist zwar nicht unbedingt eine Welt für mich zusammengebrochen, aber das Bild, das man vorher hatte, war dann schon ein wenig angeknackst. Plötzlich war man z. B. im Trainingslager und musste mittendrin das Hotel wechseln, weil das Geld so knapp war. Da gab es einige Sachen, die nicht unbedingt optimal liefen.

Noch Jahre nach Ihrer Sportinvalidität hielt sich hier in Berlin das Gerücht, Sie wären bereits verletzt gekommen. Können Sie damit vielleicht mal aufräumen?

Aus meinem letzten Spiel mit dem 1. FC Köln beim AS Rom hatte ich eine leichte Zerrung, die aber längst behoben war als ich in der Winterpause nach Berlin kam. Ich konnte ja dann auch schon meine ersten Spiele für Hertha machen, zumindest bis zu dem Spiel in Düsseldorf. Dort haben wir damals auf zugefrorenem Rasen gespielt, und als ich einmal voll durchzog, ist dann der Muskel geplatzt.

Heikko Glöde hat sich ja allein über Ihre bloße Anwesenheit sehr positiv geäußert. Was konnten Sie selbst aus Ihrer Zeit in Berlin mitnehmen?

Für mich war natürlich schon wichtig, dass man irgendwo auch seine Spur hinterlässt und nicht einfach sagt: „Ich bin jetzt hier in Berlin, und auf Wiedersehen“. Da habe ich oft auch mal mit jungen Spielern gesprochen, sei es im Trainingslager oder während der Busfahrten. Wenn dann das eine oder andere hängen geblieben ist wie beim Heikko, dann hat es sich im Prinzip schon gelohnt.

In den 70er Jahren, der vielleicht besten Zeit des deutschen Fußballs, haben Sie beim vielfachen Meister Borussia Mönchengladbach gespielt. War das nicht im Nachhinein das Nonplusultra?

Für mich auf jeden Fall, während für andere natürlich die Bayern das Maß aller Dinge waren. Wir haben uns während der 70er ja auch über viele Jahre die Meisterschaften mit den Bayern geteilt, so gesehen gab es auch gar keinen Grund als Spieler von einem dieser Vereine zum anderen zu wechseln. Das Eis wurde dann ja erst später von Spielern wie Del Haye oder Matthäus gebrochen. Ich selbst war acht Jahre bei Mönchengladbach und habe dort eine wunderschöne Zeit miterlebt, mit einer ständigen Weiterentwicklung der Mannschaft. Auch das Drumherum hat mit Manager Grasshoff und seiner kleinen Gruppe von Mitstreitern hervorragend funktioniert, man hat sich bei Mönchengladbach damals einfach wohl gefühlt.

Das alte Stadion von Mönchengladbach, der Bökelberg, wurde vor wenigen Jahren abgerissen. War da bei Ihnen etwas Wehmut dabei?

Das tat natürlich schon ein wenig weh. Der Bökelberg hat sich ja auch vehement dagegen gewehrt, weggesprengt zu werden, die erste Sprengung hat ja noch nicht ganz ausgereicht. Da konnte man mal sehen, wie massiv das Stadion damals gebaut wurde, selbst 136 Sprengladungen waren nicht genug. Das war ja nicht nur ein Stück meiner persönlichen Geschichte, sondern auch Stadtgeschichte, deshalb waren am Tag der Sprengung auch 1.000 – 2.000 Leute da. Andererseits haben wir jetzt eine andere Zeit, und deshalb eben auch die neue Arena. Wenn wir diese Zuschauerkapazität schon früher gehabt hätten, dann wäre es vielleicht sogar gelungen, die Erfolge der 70er noch etwas länger zu konservieren.

Ende der 70er sind Sie zum FC Valencia gewechselt. War es zur damals nicht noch etwas schwerer, sich im Ausland einzugewöhnen?

Überfordert habe ich mich nicht gefühlt. Mir war sofort klar, dass man in einem anderen Land auch bestimmte Sitten des Landes übernehmen, andererseits aber auch Dinge beibehalten muss. Das hat dann sogar dazu geführt, dass der Trainer und die Mannschaft nach etwa einem Jahr auch ein paar Sachen von mir übernommen haben, besonders, was zusätzliches Training anging.

Sie haben ja eigentlich holländische Wurzeln, was einen holländischen Journalisten vor ein paar Jahren zu einem satirischen Artikel inspirierte, in dem er behauptete, mit Ihnen im Trikot der Niederlande wäre Deutschland 1974 nicht Weltmeister geworden. Sehen Sie das genauso?

Nein, und im Prinzip wollte der auch nur ein wenig Flachs in die ganze Sache hineinbringen, das hat er mir bei einem persönlichen Treffen selbst so erklärt. Das ist ihm mit seinem Artikel auch gut gelungen, die Sache hat ja damals Wellen geschlagen vom holländischen Fußballverband bis zur Pressestelle des DFB, die dann wiederum mich angerufen hat. Ich wurde gebeten, die Sache mal klar zustellen, was ich dann auch per E-Mail getan habe. Diese Erklärung wurde dann von holländischen Verband sogar noch als Presseerklärung herausgegeben, worüber sich der betreffende Journalist natürlich kaputt gelacht hat. Dass diese Sache so ernst genommen werden würde, hatte er natürlich selbst nicht erwartet.

Stimmt es, dass Sie zunächst nur deshalb für Deutschland spielen durften, weil sich der holländische Verband kulant gezeigt hatte?

Nein, die Geschichte war ganz anders. Zum Zeitpunkt meines ersten Freundschaftsspieles für die deutsche Jugendnationalmannschaft besaß ich noch den holländischen Pass. Dabei spielte ich dann ausgerechnet auch noch in Holland gegen Holland und schoss beim 1:1 das Tor. Vor dem Spiel zeigte ich meinem Trainer meinen holländischen Pass, worauf der mich verdutzt fragte, was denn das sei. Es wurde dann sehr kurzfristig zwischen den beiden Trainern entschieden, dass ich trotzdem spiele dürfe. Nach dem Spiel hatte es der DFB dann aber natürlich ziemlich eilig, mich einzubürgern, und der schnellste Weg war, dass die gesamte Familie eingebürgert wird. Das lief dann auch in nur wenigen Monaten.

Wie lange haben Sie nach dem Gewinn des WM-Titels 1974 gebraucht, um zu begreifen, was das bedeutet?

Am Tag selber hat man darüber nicht groß nachgedacht, da wollte man nur das Spiel gewinnen. Auch danach wurde einem das zunächst noch gar nicht richtig bewusst. Erst als ich dann wieder in meine Heimatstadt Emmerich kam, und 2.000 – 3.000 Leute mich empfingen, habe ich gemerkt, dass ich offenbar etwas Großartiges erreicht hatte.

Als vor dem WM-Finale die deutsche Nationalhymne gespielt wurde, hat damals kein einziger Spieler mitgesungen. Was meinen Sie, woran das lag?

Ich glaube, dass der Nationalstolz damals noch ziemlich unterdrückt war. Es war ja noch nicht sehr viel Zeit nach dem 2. Weltkrieg vergangen, da fühlte sich Deutschland eben noch schuldig, man wurde ja praktisch auch noch so erzogen. Das hat sich ja jetzt Gott sei Dank geändert, wir haben ein tolles Land aufgebaut, und auch die heutige Jugend fühlt sich jetzt wieder stärker an den Staat gebunden. Dazu hat ja auch die deutsche Nationalmannschaft bei der diesjährigen WM ihren Teil beigetragen. Deutschland hat diese WM aus meiner Sicht auch dazu genutzt, um sich ein wenig von der Vergangenheit zu lösen. Ich hoffe, dass das auch beibehalten wird, denn ich glaube, wir können wirklich stolz sein auf Deutschland.

Nach Ihrer aktiven Karriere haben Sie einen großen Teil Ihres Weges gemeinsam mit Berti Vogts bestritten. Würden Sie im Nachhinein sagen, dass Sie Ihre eigene Karriere zu sehr mit seiner verknüpft haben?

Nach unserer gemeinsamen Zeit als Spieler sind wir ja zunächst jahrelang beruflich getrennte Wege gegangen, das ging ja praktisch bis 1990. Als er dann Trainer der Nationalmannschaft wurde und ich Co-Trainer, haben wir natürlich eng zusammengearbeitet, das ist doch klar. Und dass wir gut miteinander können, und sogar befreundet sind, ist auch kein Geheimnis. Gerade in den letzten Jahren gab es jedoch genug Beispiele dafür, dass wir auch alleine unsere Ziele verfolgen können.

Im „Aktuellen Sportstudio“ hat Berti Vogts Sie mal als einen von zwei richtigen Freunden bezeichnet. Wissen Sie, wer Vogts’ zweiter Freund ist?

Das kann ich Ihnen nicht sagen, da müssen Sie Berti Vogts selber fragen.

Wie viele gute Freunde haben Sie selber?

Das ist schwer zu beantworten. Ich sag’ mal so: Wenn man am Ende des Tages mindestens einen nennen kann, dann hat man ein erfülltes Leben gehabt.

Berti Vogts hat ja in den vergangenen Jahren auch abseits des Fußballs ein paar Sachen gemacht, etwa eine kleine Rolle beim „Tatort“ übernommen oder als Juror einer Miss-Wahl mitgemacht. Könnten Sie sich so etwas auch vorstellen?

Wenn ich schon schauspielern würde, dann lieber gleich als Hauptdarsteller in einem Western, so wie Paul Breitner damals bei „Potato Fritz“. Was mir aber sehr viel Spaß machen würde, wäre, bei einer dieser „Dunhill Open“ mitzumachen. Das ist ein Golfturnier in Schottland, bei dem man als Amateur mit einem Profi zusammenspielt. Insgesamt spielt man vier Tage hintereinander auf vier verschiedenen Golfplätzen, was natürlich extrem viel Geld kostet.

Im Fernsehen wirken Sie immer sehr sachlich und seriös. Menschen, die Sie näher kennen, sagen dagegen, dass Sie auch ganz anders sein können. Würden Sie sagen, dass Ihr Humor immer ein wenig unterschätzt wurde?

Da gehe ich mal von aus. Selbst ein Waldemar Hartmann hat mir mal gesagt, dass ich im Fernsehen immer etwas anders wirke als ich in Wirklichkeit bin. Ich denke, das hing auch ein wenig mit der Situation zusammen. Wenn ich in der Halbzeitpause nach irgendwelchen Spielerwechseln gefragt werde, kann man eine solche Frage eben schlecht ins Lächerliche ziehen. Grundsätzlich halte ich mich aber tatsächlich für einen eher lustigen Typen.

Hätten Sie auf den Raab-Song „Böörti Böörti Vogts“ damals anders reagiert als Berti Vogts selber?

Da muss man die Gesamtsituation sehen. Alle Welt hatte Berti damals ohnehin ein wenig auf dem Kieker und dann kommt Herr Raab und singt so ein Ding ohne ihn zu fragen. Hätte er Berti damals gefragt, wäre er vielleicht sogar bereit gewesen mitzusingen, und das hätte der ganzen Sache viel von seinem Stachel genommen.

Verfolgen Sie eigentlich, was so an frühen und aktuellen Bildern und Autogrammkarten von Ihnen bei eBay versteigert wird?

Als ich noch Trainer in Schottland war, schrieb mich mal eine angebliche Fangemeinschaft an und bat mich um 40 Autogrammkarten. Ich habe dann 20 rübergeschickt und die dann etwa drei Wochen später eher durch Zufall bei eBay entdeckt. Daraufhin habe ich spaßeshalber mal bei einer Auktion mitgesteigert und bekam dann tatsächlich genau die Adresse mitgeteilt, an die ich kurz zuvor die 20 Autogrammkarten geschickt hatte. Ich meinte dann zum Verkäufer, dass er die Karten raus nehmen solle, ansonsten gäbe es Theater. Der Mann hat sich dann tausendmal entschuldigt und erklärt, dass er wirklich Sammler sei und mit den Verkäufen seine Portokosten finanziert. Das war schon ein ganz lustiges Gespräch.

Abschließend eine Frage zur Gegenwart: Es heißt, Sie wollen zurück in die Bundesliga, sei es als Trainer oder als Manager.

Wenn sich da etwas ergeben sollte, hätte ich mit Sicherheit nichts dagegen. Das ist aber auch eine Sache von Angebot und Nachfrage. Ich persönlich fände es schön, mal wieder in Deutschland eine Anstellung zu bekommen, anstatt wieder ins Ausland zu gehen. Ich denke, dass einige Leute auch durch die WM mitbekommen haben, dass ich hierzulande wieder präsent bin und auch sofort bei einem Verein anfangen könnte. Aber das muss man halt mal abwarten.