22 Uwe Kollmannsperger

Foto und Interview: Juli 2004

Als Sie 1982 zu Hertha BSC kamen, waren Sie in der Erstliga-Saison 1982-83 zwar das ganze Jahr im Kader, haben aber kein einziges Spiel absolviert. Wie sind Sie damals mit der Situation umgegangen?

Man muss wohl sehen, dass ich damals gerade mal mit 18 Jahren aus der Jugend kam, insofern war das wohl fast zu erwarten. Ich hatte mir zwar selber mehr ausgerechnet, aber Trainer Gawliczek war eben auch nicht mehr so unbedingt am Puls der Zeit. Der hat gleich nach dem 2. Training gesagt, ich sei für ihn ein Nachwuchsmann, der Zeit braucht. Ein ganzes Jahr dann nur zu trainieren war natürlich nicht so einfach für mich, zumal ich das aus der Jugendmannschaft ja überhaupt nicht gewohnt war. Wenn man sich über einen solchen Zeitraum nicht richtig zugehörig fühlt, dann hat das logischerweise auch Auswirkungen aufs Selbstbewusstsein. Leider hat Gawliczek auch sonst kaum Führungsqualitäten gezeigt, und ich denke, man hat damals nur als Dankeschön für den Aufstieg an ihm festgehalten.

Stand Gawliczek als Trainer nie auf der Kippe?

Nein, soweit ich weiß, war das nie ein Thema.

Gab es damals Spieler, die arrogant mit Ihnen umgegangen sind?

Ja, da gab es z. B. den Rolf Blau, der damals vom VFL Bochum kam. Der hatte ja bereits eine Menge Bundesliga-Spiele absolviert, und das ließ er einen auch spüren. Wenn ich mal irgendwas zu ihm gesagt habe, dann kamen schon mal Sprüche wie „Du mit deinen null Bundesliga-Spielen hast hier nichts zu melden“. Das war aber auch der Einzige, von dem so etwas kam. Außer vielleicht noch von dem Quasten. Auch der hat gedacht, dass er so ein wenig über den Dingen steht.

Kann man sagen, dass die Mannschaft nach dem Abgang von Jürgen Mohr 1983 im Mittelfeld ein wenig führungslos wurde?

Mohr war zwar ein überragender Spieler, hatte aber nicht so den großen Stellenwert innerhalb der Mannschaft. Vielleicht hing das ja damit zusammen, dass er als Spielmacher nur nach vorne effektiv war, nach hinten kam von ihm eben nicht so viel. Das wurde leider nie so ganz kompensiert; man hätte meiner Ansicht nach unbedingt einen Spieler haben müssen, der ihm da so ein wenig den Rücken frei hält. Das hätte z. B. Rolf Blau sein können, der ein ziemlicher Rackerer war, doch der wollte sich mit seiner Erfahrung eben nicht so gern unterordnen. So lief es dann meistens darauf hinaus, dass Jürgen Mohr in den Mannschaftssitzungen angeprangert wurde. Da waren auch viele Eifersüchteleien mit im Spiel. Er wurde ja damals oft als Ausnahme-Spieler bezeichnet, und da waren eben einige Spieler sauer, wenn er mal den Ball verlor und sie sich darum kümmern mussten, weil er selbst nicht mit zurückkam. Gerade in den Mannschaftssitzungen hätte Mohr aber trotzdem von Gawliczek unterstützt werden müssen, doch der war leider vollkommen überfordert mit der Situation.

Gab es damals einen Spieler, zu dem Sie aufgeschaut haben?

Da muss ich wieder Jürgen Mohr erwähnen. Auch menschlich ist er zu mir immer nett und hilfsbereit gewesen. Ich habe mich eigentlich als ähnlichen Spielertypen gesehen, weil ich in der Jugend ja immer im offensiven Mittelfeld gespielt hatte. Als Profi wurde ich dann leider meistens eher ins defensive Mittelfeld gestellt.

Was meinen Sie, warum Sie sich in den vier Jahren bei Hertha BSC nie so ganz durchsetzen konnten?

Ich war damals natürlich noch ganz anders als ich es heute bin. Im Nachhinein denke ich, dass ich viel mehr auf den Putz hätte hauen müssen. Damals habe ich aber mehr so die defensive Rolle eingenommen, nach dem Motto: Bloß nicht anecken. Das war garantiert falsch, denn dadurch wird man erst recht an die Seite gedrängt. Ich hätte wohl einfach mehr Ellenbogen zeigen müssen.

Würden Sie sagen, dass Sie in den vier Jahren als Profi insgesamt eher gute oder eher schlechte Trainer gehabt haben?

Ich denke, wenn man sich die Trainer aus dieser Zeit anschaut, dann war Hertha für die meisten mehr oder weniger die letzte nennenswerte Station, das galt für Gawliczek genauso wie für Luppen oder Sundermann. Über allem schwebte dann Präsident Holst, der bei dem ein oder anderen Trainer vermutlich auch noch in die Mannschaftsaufstellung mit reingeredet hat. Und Holst war zwar ein guter Geschäftsmann, der vieles organisieren konnte, aber eben kein Fußballfachmann.

Woran denken Sie heute eigentlich zuerst, wenn Sie an Wolfgang Holst denken?

Vor allen Dingen an seine stundenlangen Reden. Der hat vor der Mannschaft teilweise Geschichten erzählt, die sogar in die Kriegszeit zurückreichten.

Die Spielergewerkschaft hat gerade eine Studie präsentiert, bei der herauskam, dass der durchschnittliche Fußballprofi heutzutage besser gebildet ist als der Durchschnitt der Bevölkerung. In den 80er Jahren hatten Fußballer ja noch ein etwas anderes Image. Hat Sie das damals geärgert?

Nein, denn da hat man sich eigentlich gar nicht angesprochen gefühlt. Durch die ganze Medienwelt, die heute ja eine ganz andere ist wie noch vor 20 Jahren, haben viele Spieler mittlerweile eine viel größere Erfahrung und wirken dadurch eben auch etwas weltmännischer. Rummenigge konnte als Spieler kaum drei Sätze sprechen ohne einen roten Kopf zu bekommen, und heute hält er Reden vor Vorstandsvorsitzenden. Viele Spieler wachsen heute automatisch mit der Medienpräsenz, dadurch ist das Bild des Fußballers wohl inzwischen auch besser als damals.

Gab es denn zu Ihrer Zeit bei Hertha BSC einen Spieler, der so ein wenig den Ruf des Intellektuellen hatte?

Auf die Schnelle würde mir da Frank Wormuth einfallen, der ja studiert und auch mal das eine oder andere Buch gelesen hat. Der hat schon öfter mal gesagt, dass ihm der Fußball allein nicht reicht, er müsse auch ab und zu mal etwas für den Kopf tun.

Warum haben Sie nach dem Abstieg 1986 nicht weiter für Hertha BSC gespielt?

Ich hätte auch bleiben können. Aber da gab es zwei Überlegungen: Zum einen hatte ich zu der Zeit gerade zwei starke Knöchelverletzungen gehabt, und dann dachte ich auch, dass die Rumkrebserei in der Oberliga nicht gerade sehr verlockend ist. Zeitgleich ergab sich dann eine berufliche Perspektive für mich im Immobilienbereich, und das war mir dann einfach wichtiger.

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