21 Heikko Glöde

Foto und Interview: September 2003

Als gebürtiger Berliner sind Sie doch wahrscheinlich schon als Kind häufiger bei Hertha BSC im Stadion gewesen. Gab es damals Spieler, die Sie besonders beeindruckt haben?

Ich bin ja schon sehr früh mit meinem Vater ins Stadion gegangen, also zur Zeit von Volkmar Groß, Arno Steffenhagen und Lorenz Horr, und war ein begeisterter Fan von Hertha BSC. Lorenz Horr war einer der Spieler, die ich damals sehr verehrt habe. Ich war auch oft beim Hertha-Training und habe gesehen, dass der meistens schon eine halbe Stunde vor allen anderen da war. Später habe ich dann auch zu Erich Beer aufgeschaut, der nicht nur als Fußballer, sondern auch als Mensch vorbildlich war.

1982 wurden Sie selbst Spieler bei Hertha BSC und hatten mit Remark und Killmaier zwei Stürmer vor sich, die absolut gesetzt waren.

Als ich damals als 20-jähriger zu Hertha BSC kam, ging wirklich ein Traum für mich in Erfüllung. Ich konnte in meiner Heimatstadt spielen, und noch dazu bei einem Bundesligisten. Klar, Thomas Remark und Werner Killmaier waren erst einmal gesetzt, daher war mein damaliges Ziel zunächst einmal nur, auf die Ersatzbank zu kommen. In erster Linie habe ich von diesen Spielern gelernt, und ich war schon ziemlich stolz, als ich bereits in der Hinrunde meine ersten Spiele für Hertha BSC machen durfte. Ich bin ja auch sehr kollegial aufgenommen worden. Mit Werner Schneider, Dieter Timme und Thomas Remark hatte ich auch privat viel zu tun, deshalb war ich eigentlich von Anfang an ganz gut in der Mannschaft angesehen. Dasselbe kann ich auch von den Fans sagen. Wenn man als einer der wenigen echten Berliner in so eine Mannschaft reinrutscht, dann kommt das beim Publikum natürlich immer gut an.

Nach dem Abstieg in die 2. Liga war in der Saison 1983-84 Martin Luppen Ihr nächster Trainer. Heute scheint es manchmal so, als wäre er nie da gewesen.

Über Martin Luppen gibt es im Prinzip auch nicht viel zu erzählen. Er war eben mehr der Lehrertyp, ziemlich distanziert. Andererseits muss ich natürlich auch sagen, dass ich unter ihm dann letztendlich Stammspieler geworden bin.

In der Saison 1984-85 hatte die Mannschaft trotz vieler Verletzter einen sehr guten Start. Als der Kader dann wieder komplett war, lief komischerweise so gut wie gar nichts mehr.

Das ist doch oft so, dass man sich gerade in der Not zusammenrauft und die besten Spiele abliefert. Vielleicht war die Mannschaft aber noch nicht so weit, mit dem Druck als potentieller Aufsteiger dann auch im Verlauf der Saison umgehen zu können. Wir hatten ja damals eine Mannschaft, die im Umbruch war, und das konnte durch ältere, erfahrene Spieler wie Sziedat und Weiner nur bedingt aufgefangen werden. Trotzdem haben mir gerade diese beiden Spieler in meiner Entwicklung sehr geholfen. Genauso, wie übrigens auch ein Jahr zuvor Rainer Bonhof.

Das überrascht mich ehrlich gesagt, weil Bonhof damals nur sechs Spiele für Hertha BSC gemacht hat. War er also zumindest hinter den Kulissen wertvoller, als manche vielleicht denken?

Gerade mit mir hat Rainer damals oft gearbeitet. Ich kann mich erinnern, dass wir einmal zusammen in den Katakomben waren und er meinte, ich solle ein paar Mal an die Wand schießen, um meine Schusstechnik zu verbessern. Er hat mich damals immer wieder gefordert und mir Tipps gegeben. Ich habe ihm wirklich viel zu verdanken, gerade auch was die Einstellung im Training angeht. Sogar heute habe ich noch ein sehr gutes Verhältnis zu ihm.

Der Abstieg 1986 in die 3. Liga muss auch für Sie sehr überraschend gewesen sein.

Das war tatsächlich unbegreiflich. Ich denke, wir haben einfach die Situation nicht erkannt und bis zuletzt gedacht, dass wir den Klassenerhalt ja sowieso schaffen. Dann kam auch noch der Trainerwechsel Gutendorf für Kliemann, obwohl Uwe Kliemann aus meiner Sicht eigentlich gute Arbeit geleistet hat. Gutendorf kam damals mit seiner japanischen Riegel-Taktik und hat gegenüber der Presse unheimlich auf die Trommel geschlagen. Leider haben die Vereinsbosse nicht erkannt, dass das wirklich nur heiße Luft war. Wir haben es mit Gutendorf ja sogar geschafft, beim damaligen Tabellenschlusslicht MSV Duisburg zu verlieren, die zuvor etwa 15 Spiele lang sieglos waren. Wir waren damals aber so unbedarft, dass wir danach trotzdem alle in die Disko gegangen sind. Rudi Gutendorf hatte uns an dem Abend noch gesucht, aber natürlich nicht gefunden. Später gab es dann logischerweise Geldstrafen. Wie gesagt, bis drei Spieltage vor Schluss hatten wir uns mit dem Abstieg noch überhaupt nicht auseinandergesetzt. Auch wenn man vielleicht das Gegenteil annehmen könnte, war ja auch die Kameradschaft im Team super. Wir haben zusammen gefeiert und waren tatsächlich 18 Freunde. Und dann war es eben auch noch so, dass der zweite Trainerwechsel Sundermann für Gutendorf zu spät kam. Wenn Sundermann damals vier Wochen früher gekommen wäre, hätten wir das mit Sicherheit noch geschafft.

Gibt es aus der Zeit mit Gutendorf vielleicht eine Anekdote, die Ihnen noch ganz besonders in Erinnerung geblieben ist?

Wir hatten damals ja gerade ziemlich viele Verletzte. Also kam Gutendorf auf die Idee, das Training mal einige Tage ausfallen zu lassen, damit nicht noch mehr Verletzte dazu kommen. Die Mannschaft ist dann stattdessen mit ihm ins Wiener Caféhaus gegangen und hat Kuchen gegessen. Man kann sich vielleicht vorstellen, wie fit wir dann am darauffolgenden Samstag aufgelaufen sind.

Sie waren dem Verein auch die kommenden Jahre sehr verbunden. Obwohl Sie damals in der 2. Liga beim VFL Osnabrück gespielt haben, wurden Sie trotzdem bei einigen Hertha-Spielen im Stadion gesichtet.

Ich hatte immer eine starke Beziehung zum Verein, im Grunde bin ich ja bis heute Hertha-Fan geblieben. Als Hertha im ersten Anlauf 1987 den Wiederaufstieg in die 2. Liga nicht geschafft hat, da war das auch für mich hammerhart. Ich habe ja auch immer so ein bisschen auf eine Rückkehr nach Berlin spekuliert. Auch der Kontakt zu einigen Hertha-Spielern bestand weiterhin, besonders zu Thorsten Schlumberger, der auch heute noch mein bester Freund aus dieser Zeit ist.

Wie haben Sie damals die lokale Konkurrenz zu Blau-Weiß 90 erlebt? Gab es zu den Spielern vielleicht auch vereinzelt Freundschaften?

Zu Blau-Weiß 90 gab es damals wirklich eine riesige Konkurrenzsituation. Es war schon ein regelrechtes Hass-Duell. Aber dadurch, dass ich mit Spielern wie Gaedke oder Stark schon zu Amateurzeiten oder in der Berliner Auswahl zusammengespielt habe, waren natürlich auch vereinzelt Freundschaften da. In den 90 Minuten auf dem Platz war aber schon eine Menge Gift drin, viel mehr als in den Spielen gegen Tennis Borussia zum Beispiel. Blau-Weiß 90 war wirklich ein ernstzunehmender Konkurrent für uns. Fußballerisch war das ja auch eine Bombentruppe. Und dann haben sie natürlich auch sehr von der Kameradschaft gelebt. Selbst heute treffen sich die ehemaligen Spieler noch zu gemeinsamen Weihnachtsfeiern. Ich denke, man hat dort aber trotzdem oft etwas neidisch auf Hertha geschaut. Blau-Weiß wurde ja vom Berliner Publikum nie so ganz angenommen. Sogar als Blau-Weiß in der 1. und Hertha in der 3. Liga gespielt hat, war Hertha immer interessanter.

Wenn Sie Ihre Karriere bei Hertha BSC, dem VFL Osnabrück, dem 1. FC Saarbrücken und dem FC Remscheid mal Revue passieren lassen, was waren da die schönsten Jahre?

Hertha BSC war schon die schönste Zeit. Dort habe ich mir die ersten Lorbeeren verdient und selbst heute habe ich noch den einen oder anderen Kontakt zum Verein und zu den Spielern. Beim VFL Osnabrück war ich dann zweifellos am erfolgreichsten, ich habe dort in vier Jahren über 60 Tore geschossen. Dadurch hatte ich mich ja in der 2. Liga so gut etabliert, dass mir der 1. FC Saarbrücken noch einmal einen sehr guten Vertrag anbot. Und vor allen Dingen habe ich in Osnabrück ja auch meine Frau kennen gelernt, so gesehen haben sich die Jahre dort wirklich gelohnt. In Saarbrücken war ich dann sportlich nicht so erfolgreich. Im ersten Jahr hatte ich dort große Probleme mit Trainer Klaus Schlappner, im zweiten Jahr mit Peter Neururer lief es wieder besser. Nachdem der 1. FC Saarbrücken dann aber in die 1. Liga aufgestiegen war, kamen elf neue Spieler, gegen die ich ganz einfach den Kürzeren gezogen habe. Die Zeit beim FC Remscheid hätte ich mir vielleicht sparen können, aber zumindest konnte ich dort parallel zu meiner Tätigkeit als Fußballspieler meinen Fußballlehrerschein machen. Davon profitiere ich ja auch heute noch.

Worin bestanden denn die Probleme mit Klaus Schlappner konkret?

Dazu möchte ich eigentlich gar nicht soviel zu sagen. Es waren eben so einige diskriminierende Sachen dabei, die er sich gegenüber bestimmten Spielern erlaubt hat. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass ein Jonathan Akpoborie gesagt hat, er möchte nicht mehr mit Klaus Schlappner zusammenarbeiten.

Mit welchem Trainer kamen Sie denn am besten zurecht?

Am meisten habe ich Rolf Schafstall geschätzt. Der konnte zwar knallhart sein, aber er war gleichzeitig eben auch korrekt dabei. Ich hatte ja nicht umsonst mein erfolgreichstes Jahr unter ihm. Bei Peter Neururer war dann vor allem das Training sehr gut. Er hat zwar eine Art, die nicht unbedingt bei jedem ankommt, aber er ist trotzdem jemand, der sich über die Jahre unheimlich weiterentwickelt hat.

Auf dem Fußballplatz soll es ja manchmal nicht nur körperlich, sondern auch verbal hoch hergehen. Wer waren denn zu Ihrer Zeit die Spieler, vor denen man besonders auf der Hut sein musste?

Ich glaube, da sollte ich lieber nicht mit dem Finger auf andere zeigen. Ich selber war schließlich auch nicht gerade ein Kind von Traurigkeit. Mit den Jahren hatte ich mich ja auch irgendwo zur Sau entwickelt, wenn man das so sagen darf. Man musste einfach auch verbal dagegen halten, das war früher genauso wie heute.

Heute sind Sie A-Jugend-Trainer beim VFL Wolfsburg. Reicht Ihnen das auf Dauer, oder würden Sie gerne auch mal eine Männer-Mannschaft trainieren?

Ich habe natürlich den großen Vorteil, als A-Jugend-Trainer bei einem Erstligisten arbeiten zu können. Man arbeitet dort mit den größten Talenten in diesem Alter, und das ist schon eine sehr interessante Aufgabe. Eigentlich kann ich mir nichts besseres vorstellen. Wenn man sich heute so die Trainer ansieht, die in der Regional- oder Oberliga arbeiten, dann sitzen die fast alle auf einem Schleuderstuhl. Die Vereine haben ja fast alle finanzielle Probleme, also muss eben der schnelle Erfolg her. Ich weiß nicht, ob es so erstrebenswert ist, nach drei Niederlagen womöglich schon wieder die Koffer packen zu müssen. Dafür ist mir auch meine Familie zu wichtig. Als A-Jugend-Trainer beim VFL Wolfsburg hat man dagegen einen relativ krisensicheren Job, und ich glaube nicht, dass es besonders klug wäre, den aufs Spiel zu setzen.