20 Werner Schneider

Foto und Interview: März 2006

1981 waren Sie Erstliga-Profi und im besten Fußballeralter. Was hat Sie dazu bewogen, in die 2. Liga zu Hertha BSC zu wechseln?

Ich war vermutlich noch nie so fit wie in diesem Jahr, was auch an Branko Zebec lag, den ich als super Trainer in Erinnerung habe. Leider habe ich nicht gespielt, und Dortmunds Präsident Rauball wollte mich nicht an einen Konkurrenten aus der 1. Liga abgeben. Über Wolfgang Fahrian, der damals ja mit Herthas Präsident Holst befreundet war, ist dann mein Wechsel zu Hertha BSC zustande gekommen. Das passte eigentlich ganz gut, wir sind ja dann auch gleich in der Saison aufgestiegen.

Berlin war damals dennoch nicht unbedingt eine Fußballstadt.

Dafür hatte Berlin aber ein ganz eigenes Flair. Es war schon interessant, diese Großstadt für ein paar Jahre mal kennen zu lernen.

Wie ist Ihnen das Lokal „Holst am Zoo“ in Erinnerung?

Da hat man schon ziemlich oft mit am Stammtisch gesessen, das hat auch durchaus Spaß gemacht. Für mich war dieses Lokal immer so etwas wie Wolfgang Holsts Zentrale, sein ganz eigener Wirkungskreis. Holst war eben der große Zampano damals. Alles, was er dachte, was für Hertha richtig und wichtig war, das wurde auch so gemacht. Einer seiner damaligen Ideen war ja, einige Lokale der Stadt zu sogenannten Hertha-Stützpunkten aufzubauen. Wenn mal wieder so eine Eröffnung war, dann wurden da auch Spieler wie der Jürgen Mohr oder ich zu eingeladen. Sonst mussten wir ja um 23 Uhr im Bett sein, aber zu diesen Gelegenheiten durfte es dann auch mal 24 Uhr werden.

Stimmt die Geschichte, dass die Taktik vor den Spielen damals anhand von Spielzeug-Figuren erklärt wurde, die auf einem Tisch standen?

Das stimmt, und geschoben wurden diese Figuren von Wolfgang Holst. Die Mannschaftsaufstellung und die Taktik kamen von ihm, Trainer Gawliczek war im Grunde genommen eine Marionette. Über das Geschiebe der farbigen Magnethütchen hat sich die ganze Mannschaft amüsiert. Und Gawliczek hat sich zwar Mühe gegeben, aber er passte damals eben schon nicht mehr in die Zeit rein. Gerade im Aufstiegsjahr hat die Mannschaft dann auch mehr oder weniger so gespielt wie wir das für richtig gehalten haben. Wenn wir taktisch irgendwelche unklugen Anweisungen bekommen haben, dann haben wir die einfach ignoriert, wir waren schließlich gestandene Fußballer. Das ging ja dann auch eine ganze Weile gut, bis zum Aufstieg war bei uns eigentlich Friede, Freude, Eierkuchen. Erst nach den ersten Niederlagen in der 1. Liga kamen dann die Spannungen und es bildeten sich Cliquen. Da waren auf der einen Seite die Spieler, die sich schon aus Homburg kannten, und der Meinung waren, sie hätten Hertha damals gerettet. Auf der anderen Seite standen dann Leute wie Remark, Schmitz, Timme, Glöde und ich. Da waren eine Menge Eifersüchteleien mit im Spiel. Im Prinzip hatte am Abstieg von Hertha jeder ein wenig Schuld, vom Präsidenten bis zum Zeugwart. Wir haben es einfach nicht geschafft, uns als Truppe zusammenzuraufen.

Sie waren damals auch für einige Monate Kapitän. Wurden Sie von der Mannschaft gewählt?

Ja, aber ich habe die Kapitänsbinde dann irgendwann freiwillig abgegeben. Gerade wenn es um Sachen wie Prämienverhandlungen ging, habe ich natürlich die Belange der Mannschaft vertreten, und das hat man mir übel genommen. Mir wurde dann auch über die Medien vorgeworfen, ich wäre nur hinter dem Geld her, dabei ging es mir lediglich darum, die Meinung der Mannschaft auszudrücken.

Haben Sie noch andere Erfahrungen mit der Berliner Presse gemacht?

Die lustigste Geschichte betraf gar nicht mal mich, sondern Georg Gawliczek. Berlin war ja damals von der Presselandschaft her ein Dorf, außer der Bild und der B.Z. gab es ja nicht viel. Und die Reporter wussten natürlich auch, dass die Mannschaft einmal in der Woche in die Sauna geht. Als dann ein paar Damen in der Sauna auftauchten, haben wir uns klugerweise ganz schnell verdrückt, lediglich Gawliczek blieb zurück. Am nächsten Tag war dann ein Bild von ihm in der Zeitung, das ihn zusammen mit barbusigen Damen zeigte.

Während Ihrer Zeit bei Hertha BSC haben Sie Tür an Tür mit ihrem Mannschaftskollegen Thomas Remark gewohnt.

Das stimmt, wir wohnten damals in Frohnau im selben Haus. Eine ältere Dame hatte uns die Wohnungen vermietet, und da Thomas und ich beide Hunde hatten, gingen wir öfter gemeinsam durch die nähere Umgebung. Das war schon eine schöne Ecke, und morgens habe ich sogar ab und zu mal Reinhard Mey beim Brötchen holen getroffen. Die alte Dame fragte mich damals auch, ob ich Interesse hätte, die alte Villa zu kaufen. Der Preis war auch gar nicht mal so hoch, aber ich wusste halt nicht, was ich mit einem Haus in Berlin anfangen soll. Später habe ich dann erfahren, dass die Villa kurz nach der Wende für den zehnfachen Preis verkauft wurde.

Warum sind Sie eigentlich nach Herthas Abstieg nicht geblieben?

Ich war zu teuer. Weil damals auch noch viel Theater mit Ablösesummen hinzu kam, konnte ich auch nicht so ohne weiteres wechseln. Beinahe wäre ich 1983 zu Schalke gegangen, doch die sind ja leider zeitgleich mit Hertha abgestiegen, so dass sich das dann nicht mehr ergeben hat. Ich habe dann irgendwann einen kompletten Schlussstrich gezogen, noch sechs Jahre als Amateur gespielt und mich beruflich anders orientiert.

Ist Ihnen das anfangs schwer gefallen?

Nein, denn darauf war ich ja vorbereitet. Ich wollte das selber so, auch schon zu diesem vergleichsweise frühen Zeitpunkt. Wenn ich heute ehemalige Mitspieler bei Spielen mit der Traditionsmannschaft treffe, dann habe ich dagegen manchmal das Gefühl, dass Leute wie z. B. Klaus Täuber noch nicht ganz erkannt haben, dass dieser Abschnitt vorbei ist. Für das, was einmal war, kann man sich heute nichts mehr kaufen. Deshalb sollte gerade bei solchen Spielen aus meiner Sicht vor allen Dingen der Spaß im Vordergrund stehen.