18 Dieter Timme

Foto und Interview: September 2003

Ihre erste Saison bei Hertha BSC war die Saison 1979-1980, also die Zeit, als Spieler wie Nigbur, Weiner oder Beer den Verein gerade verlassen hatten. War es für Sie schwer, gerade in einer Zeit des Umbruchs bei Hertha anzufangen oder eher günstig, weil man dadurch leichter in die Mannschaft kam?

Obwohl man sich das ja nicht aussuchen konnte, war es für einen jungen Spieler eine gute Chance, in diese Mannschaft hineinzukommen. Ein Jahr vorher war das noch so verbaut, dass man nur bei Verletzungen der Stammspieler mal die Möglichkeit hatte zu spielen. So gesehen war das für mich also gar nicht unbedingt ein Nachteil.

In dieser Saison, an deren Ende der Abstieg in die 2. Liga stand, gab es auch die legendäre 0:6 Heimniederlage gegen den Hamburger SV. Können Sie sich an dieses Spiel noch erinnern?

Ich kann mich sogar noch an den Trainingstag davor erinnern. Wir konnten damals nicht auf unserem üblichen Trainingsplatz trainieren und während des Trainings verletzte sich Uwe Kliemann an einer Eisenstange und zog sich eine zehn Zentimeter lange Narbe zu. Zuerst hieß es dann, ich solle von Anfang an spielen, aber der Plan wurde später wieder verworfen. Ich bin dann gegen Ende der Partie eingewechselt worden, als schon alles gelaufen war. Da musste ich dann gegen Horst Hrubesch ran. Zumindest hat er es in der verbleibenden Zeit aber nicht mehr geschafft, gegen mich ein Tor zu erzielen.

Wenn man sich heute Mannschaftsbilder der 80er anschaut, dann fallen Sie etwas aus dem Rahmen. Sie hätten frisurentechnisch eigentlich auch in eine der damals angesagten Popbands wie ABC oder Duran Duran gepasst. Mochten Sie diese Bands damals tatsächlich?

Das war eher Zufall. Ich hatte damals eigentlich keinen so ausgeprägten Musikgeschmack. Ich habe die Musik gehört, die eben im Radio lief. Heute höre ich ganz unterschiedliche Sachen, von Roland Kaiser bis zu Simply Red. Eben Lieder, die man mitsingen kann, wenn man auf einer Feier ist.

Hatten Sie während Ihrer Zeit bei Hertha BSC eigentlich auch Angebote von anderen Vereinen?

Nur wenige. Ich war ja nun auch kein überragender Spieler, eher so jemand, den man halt gut gebrauchen konnte. Außerdem bin ich ein sehr bodenständiger Typ, deshalb bedauere ich in der Hinsicht auch nichts. Und so viele Anfragen gab es wie gesagt auch nicht. Slobodan Cendic wollte mich mal zu den Stuttgarter Kickers holen, und auch ein Angebot aus Belgien lag mir mal vor. Auch Otto Rehhagel soll mal angeklopft und sich nach mir erkundigt haben, aber das habe ich erst Jahre später erfahren. Damals brauchte mich Hertha aber, da ist diese Anfrage gar nicht zu mir durchgekommen. Heute könnte man so etwas allein wegen der vielen Spielerberater wohl kaum geheim halten. Trotzdem ist das aber für mich nicht so wichtig, denn die meiste Zeit habe ich mich ja bei Hertha BSC sehr wohl gefühlt.

Sie spielten zu einer Zeit bei Hertha BSC, in der auch die Hertha-Frösche öfter mal Schlagzeilen machten, z. B. durch die Demolierung eines kompletten Bahnwaggons.

Das passierte ja zu einer Zeit, in der es sportlich schon nicht gerade gut lief. Diese Nachrichten kamen dann eben auch noch dazu. Die Hertha-Fans waren schon damals treue Seelen, die überall mit hingefahren sind. Aus Frust und Enttäuschung haben sie dann leider auch den einen oder anderen Schaden angerichtet. Es ist aber schon ganz gut so, dass diese Dinge mittlerweile der Vergangenheit angehören.

Aktuelle Bundesliga-Spieler tauchen derzeit schnell nach ein paar Diskobesuchen oder Affären in den Schlagzeilen auf. Zu Ihrer aktiven Zeit fanden diese Dinge ja eher noch im Verborgenen statt, auch wenn die Spieler der 70er und 80er doch ganz bestimmt auch nicht gerade Kinder von Traurigkeit waren…

Für andere kann ich natürlich jetzt nicht sprechen, aber was mich angeht, war das auf jeden Fall nicht so. Ich habe ja schon relativ früh geheiratet und konnte mich dann voll und ganz auf den Fußball konzentrieren. Und ich bin auch sehr gerne bei Hertha gewesen. Auch wenn es sportlich mal nicht so lief, war ich immer stolz, für das Flaggschiff des Berliner Fußballs spielen zu dürfen.

Sie haben von 1984 bis 1986 zusammen mit dem späteren Nationaltorhüter Andreas Köpke bei Hertha gespielt. Hätten Sie damals schon gedacht, dass er mal Nationalspieler werden könnte?

Das mag zwar etwas komisch klingen, wenn ich das jetzt so sage, aber ich habe das damals tatsächlich vorausgesehen. Andy war ja einer, der auch im Training beim 5 gegen 2 immer sehr ehrgeizig und bissig war. Seine ganze Einstellung war so, dass man sehen konnte, dass der mal Nationalspieler wird.

Wie konnte es eigentlich passieren, dass die Mannschaft 1986 in die Amateuroberliga abgestiegen ist? Personell war der Kader doch eigentlich gar nicht so übel.

Wir hatten damals vielleicht keine schlechte Mannschaft, aber das Gros der Mannschaft hatte nicht diese profihafte Einstellung, die man gebraucht hätte, um die Klasse zu halten. Dann kamen ja auch noch die ständigen Trainerwechsel hinzu. Uwe Kliemann war für mich eigentlich ein guter Trainer, aber Hertha BSC war eben seine erste Trainer-Station und man hat ihm einfach nicht genug Zeit gegeben. Dann kam Rudi Gutendorf, und es entzieht sich bis heute meinem Verständnis, wie man den eigentlich holen konnte. In der Presse konnte er sich zwar ganz gut verkaufen, aber von der Fußball- oder Trainingsarbeit hatte er eben keine Ahnung, das muss man so klar sagen.

Wie hat denn die Mannschaft damals auf die Verpflichtung von Rudi Gutendorf reagiert?

Hinter dem Rücken haben wir natürlich darüber geschmunzelt, aber als Profi versucht man halt das Beste draus zu machen. Doch wenn man den Trainer schon nach zwei bis drei Tagen komplett durchschaut hat, dann schaltet man automatisch etwas zurück, frei nach dem Motto: Wenn die Katze nicht im Haus ist, dann tanzen die Mäuse auf dem Tisch.

Ein anderer umstrittener Trainer von Hertha BSC war Uwe Klimaschefski. Von ihm kursieren ja Geschichten, dass er mal einen Betreuer an einen Torpfosten festbinden ließ oder Kopfballtraining mit Medizinbällen veranstaltete. Wie haben Sie ihn erlebt?

Also bei uns hat er sich solche Dinger nicht erlaubt. Nur einmal, da kam mal ein Spieler zum Probetraining. Klimaschefski meinte dann, er solle erst einmal 400 Meter rennen, allerdings rückwärts. Nach ein paar Metern haben dann aber beide einsehen müssen, dass das nicht geht. Was die Trainingsarbeit und das Taktische anging, konnte man eigentlich nichts gegen ihn sagen, da war er sogar ein ziemlich guter Trainer. Nur menschlich gab es eben so einige Kritikpunkte, und daran ist er dann ja auch immer gescheitert.

Die meisten Ihrer aktiven Jahre bei Hertha BSC haben Sie mit Wolfgang Holst als Präsident verbracht. Wie war Ihr Verhältnis zu ihm?

Wolfgang Holst hat mich ja nun durch meine ganze Zeit bei Hertha BSC begleitet. Ihm hatte ich es auch zu verdanken, dass ich schon als Jugendlicher ab und zu mal bei den Profis von Hertha mittrainieren durfte. Und wie es eben so ist, irgendwann interessierte mich der Fußball mehr als meine Ausbildung und ich begann, meine Lehre etwas zu vernachlässigen. Da habe ich mich mal für die Lehre krankschreiben lassen und stand dann trotzdem am Sonntag auf dem Platz. Mein Lehrherr hatte das jedoch mitgekriegt, ist auf dem Fußballplatz erschienen und wollte mich sofort rauswerfen. Zum Glück hat sich aber Herr Holst mit ihm unterhalten und dafür gesorgt, dass ich meine Lehre doch noch beenden konnte. Ich hatte zu Wolfgang Holst auch sonst eigentlich immer eine gute Beziehung. Er hat während seiner Zeit als Präsident eben nur den Fehler gemacht, dass er alles selber machen wollte. Hätte er schon damals einen Manager verpflichtet, wäre ihm wahrscheinlich vieles erspart geblieben.

Hatten Sie damals so etwas wie einen Alptraum-Gegenspieler?

Eindeutig Manfred Burgsmüller. Der hat gegen mich immer zwei Tore gemacht. Das war so jemand, den ich eigentlich 80 Minuten ganz gut im Griff hatte, aber im entscheidenden Moment war er dann plötzlich einen Tick schneller, da konnte ich machen was ich wollte. Immerhin gab es auf der anderen Seite aber auch bekannte Stürmer, gegen die ich gute Spiele gemacht habe, wie z. B. Rudi Völler oder Kalle Rummenigge. Wenn ich das heute meinen Kindern erzähle, dann gucken die manchmal schon ziemlich verdutzt.

Sie sind nach Ihrer aktiven Zeit sofort Trainer geworden. Können Sie vielleicht zu Ihren Stationen vor Lichtenberg 47 jeweils ein paar Sätze sagen?

Zunächst war ich erst einmal vier Jahre Jugend-Trainer bei Hertha BSC. Dort habe ich damals Spieler wie Fiedler, Ramelow oder Schmidt trainiert, die später auch den Schritt in den Profi-Bereich geschafft haben. Danach ging ich als Co-Trainer zu Tennis Borussia. Ich habe dann aber sofort gemerkt, dass mir das überhaupt nicht liegt. Wenn ich Trainer bin, dann möchte ich auch selbst Sachen in die Hand nehmen können und einfach auch das Sagen haben. Also bin ich nach Velten gegangen, wobei der Verein leider einige Monate später Insolvenz beantragen musste. Meine nächste Station war dann der Hallesche FC, den ich nach eineinhalb Jahren von der Verbandsliga in die Oberliga geführt habe. Irgendwann kam dort aber der Punkt, an dem ich meine sportlichen Vorstellungen nicht mehr umsetzen konnte, weil dort Leute verantwortlich waren, die vom Fußball keine Ahnung hatten. Als die mir dann in mein Konzept reinreden wollten, fand ich es besser, sich zu trennen, obwohl mir eine Vertragsverlängerung angeboten wurde.

Gibt es einen ehemaligen Trainer, von dessen Arbeitsstil Sie am meisten übernommen haben?

Im Prinzip habe ich mir von allen etwas abgeschaut. Ich denke, am meisten habe ich aber von meinem Entdecker und Förderer Gustav Eder, der jahrzehntelang Co-Trainer bei Hertha war, mitbekommen. Auch mein erster Trainer Kuno Klötzer hatte einen großen Einfluss auf mich. Ich denke aber, später muss man als Trainer seinen eigenen Weg finden. Ich hatte ja eine Menge Trainer in meiner Laufbahn, und im Prinzip konnte man sich da von jedem etwas abschauen. Außer vielleicht von Rudi Gutendorf, da war definitiv nicht viel zu holen.

Es gab ja öfter Phasen, in den Gustav Eder die Mannschaft vorrübergehend auch als Cheftrainer betreut hat. Oft lief es in diesen Zeiten insgesamt doch eigentlich ganz passabel. Wollte das Präsidium ihn nicht als Cheftrainer haben oder wollte er das selber nicht?

Er wollte das selber nicht. Gustav Eder war jemand, der lieber im Hintergrund bleiben wollte und keine Lust auf Veränderungen hatte. Wenn er den Cheftrainer-Posten übernommen hätte, dann wäre wahrscheinlich auch er nach ein oder zwei Jahren in die Schusslinie gekommen, und dann irgendwann womöglich ganz weg gewesen. Hertha war für ihn aber so etwas wie sein Lebenswerk, und er wollte unbedingt beim Verein bleiben. Er war ja schon als Spieler bei Hertha, später dann als Co-Trainer, und selbst jetzt als Rentner sitzt er noch bei jedem Spiel auf der Tribüne.

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