17 Pierre Dickert

Foto und Interview: Oktober 2003

Als Sie sich in jungen Jahren für den Fußball entschieden hatten, gab es da Unterstützung von Ihren Eltern oder eher Kopfschütteln?

Klar, da gab es schon Unterstützung, allerdings nicht so, dass ich darauf getrimmt worden wäre. Ich kam ja in Stuttgart bereits mit sechs Jahren in den Fußballverein und meine Eltern haben da wohl eher den Freizeitgedanken gesehen, also dass ich einfach mit anderen Kindern zusammen sein kann. Alles andere, wie die Berufungen in die verschiedenen Auswahlen, ergab sich ja erst viel später.

Manche weniger begabte Spieler werden trotzdem Nationalspieler während talentiertere Spieler wie auch Sie selbst in der 2. Liga stecken bleiben. Was sind die Nuancen, die da den Unterschied ausmachen?

Da hängt sicher viel davon ab, ob man die Unterstützung und das Vertrauen des Trainers hat. Auch durch einen Trainerwechsel kann sich eine günstige Ausgangsposition schnell in das Gegenteil umkehren. Viel hängt auch davon ab, wie viel Durchsetzungsvermögen man mitbringt.

Könnte es also sein, dass Sie vielleicht auch ein wenig zu nett waren?

Könnte durchaus sein. Mir hat es wahrscheinlich am „Schwein sein“ schon etwas gefehlt. Ich habe mich eben immer mehr als Teamspieler gesehen.

Als Sie in den 70ern zu Hertha BSC kamen, gab es da etablierte Spieler, die sich ganz besonders um Ihre Integration gekümmert haben?

Ich habe ja bereits einige Male mittrainiert, als Kuno Klötzer noch Trainer war. Erich Beer hat damals genau wie ich noch in Frohnau gewohnt und mich etwas an die Hand genommen. Ich war zu der Zeit gerade mal 17 und hatte noch keinen Führerschein, da war ich natürlich froh, wenn ich mit Erich Beer mitfahren konnte. Das war schon ein tolles Gefühl, eben noch als Jugendlicher im Stadion zu sitzen und plötzlich mit Erich Beer nach Hausezu fahren. Er hat mir da schon sehr geholfen. Mit ihm als Ansprechpartner war vieles leichter für mich, die Schwellenangst war einfach weg.

Gab es bei Hertha BSC damals so etwas wie einen Spaßvogel in der Mannschaft?

Zumindest gab es keinen, der ständig lustige Sprüche geklopft hätte, teilweise hat sich das ja auch durch die Tabellensituation von selbst verboten. Aber natürlich gab es Spieler, die öfter mal für gute Stimmung gesorgt haben. Da kann man wohl besonders Werner Killmaier und Dieter Timme hervorheben.

Kommen wir mal zu Ihren Trainern. Uwe Klimaschefski haben Sie ja bei Hertha BSC und in Saarbrücken gleich zweimal vorgesetzt bekommen.

Für mich war Klimaschefski eigentlich ein sehr guter Trainer, aber man musste ihn zweifellos zu nehmen wissen. Ich bin mit ihm sowohl bei Hertha als auch später bei Saarbrücken insgesamt gut klargekommen. Andererseits kann ich mich aber auch an Tage erinnern, an denen ich mit Dieter Timme vom Training kam und wir uns beide schon ziemlich auf die Zunge beißen mussten. Aber was sollte man machen, der Trainer war nun mal der Trainer und hatte dadurch auch die Freiheiten, einen entweder zur Sau zu machen oder eben nicht. Klimaschefski hat in der Hinsicht ja so einiges mit den Spielern veranstaltet.

Dennoch hatte er bei einigen Vereinen durchaus Erfolge vorzuweisen. Kann Wut auch motivieren?

Klar kann Wut einen auch anspornen. Klimaschefski war bestimmt kein Trainer, der von vielen Spielern geliebt wurde. Das war wohl sein Stil, dennoch oder gerade deswegen Erfolg zu haben, da schoss er bestimmt auch das ein oder andere Mal über das Ziel hinaus. In Saarbrücken hatte die Vereinsführung z. B. mal einige junge Spieler zum Training eingeladen, was aber nicht mit ihm abgesprochen war. Damals waren 35 Grad in Saarbrücken und Klimaschefski meinte, wir machen jetzt einen Test und laufen 20 Kilometer bis in den nächsten Ort. Wir dachten schon, das fängt ja gut an. Als die Mannschaft dann an der Straße stand, meinte er zu den jungen Spielern: „Ihr lauft schon mal vor“. Kaum waren sie dann außer Sichtweite, ist er mit der Mannschaft umgekehrt und hat nur leichtes Training angeordnet. Später kam auch mal ein anderer Spieler zum Probetraining, zu dem Klimaschefski sagte: „Du bist zwar ganz gut am Ball, aber ich weiß noch nicht, wie du im Regen spielst“. Also hat er ihn unter die Dusche gestellt, das Wasser angedreht, und dann sollte er mit dem Ball jonglieren.

Als Klimaschefski ging, hatten Sie unter Gawliczek plötzlich keine so guten Karten mehr.

Wie man bei Hertha damals auf Gawliczek gekommen ist, weiß ich selbst nicht mehr. Jedenfalls war er damals ja schon ziemlich alt. Am aktuellen Fußballgeschehen war er auch nicht mehr so nah dran wie es eigentlich wünschenswert gewesen wäre. Leider hat er dann auch eher auf die älteren Spieler gesetzt, so dass für mich kein Platz mehr in der Mannschaft war. Als dann das Angebot aus Aachen kam, beschloss ich, es einfach mal in der Fremde zu probieren.

Danach haben Sie auch noch beim 1. FC Saarbrücken und in der Schweiz gespielt. Haben Sie je daran gedacht, dort zu bleiben?

Eigentlich nicht. Ich habe durch diese Stationen zwar viel an Eindrücken mitbekommen, aber trotzdem war für mich klar, dass ich wieder in die Heimat zurückkommen würde. In Berlin hat man seine Familie und seine Freunde, da hat es mich automatisch wieder zurückgezogen. Ich habe dann zunächst zwei Sonnenstudios geführt und heute bin ich in der Textilbranche.

Hatten Sie je Pläne, selber mal Trainer zu werden?

Trainer wollte ich wirklich nie werden. Ich denke auch nicht, dass es zwangsläufig darauf hinauslaufen muss. Schließlich will ja auch nicht jeder Schüler später mal Lehrer werden.

Ihr ehemaliger Mitspieler Horst Ehrmanntraut hat mal als Trainer von Eintracht Frankfurt den Co-Trainer wegen „schlechter Schwingungen“ vor die Kabine geschickt. Konnten Sie solche Züge eigentlich auch schon damals an ihm feststellen?

Zumindest ist es damals nicht so aufgefallen. Ich kannte ihn eigentlich eher als lustigen und umgänglichen Mitspieler. Vielleicht entwickelt man so etwas auch erst als Trainer. Mich würde jedenfalls nicht wundern, wenn diese Geschichte stimmt. Aberglaube ist ja nichts Ungewöhnliches unter Trainern.

Wie beurteilen Sie als ehemaliger Offensivspieler den Stürmer Alex Alves, von dem sich Hertha vor einigen Monaten getrennt hat?

Aus meiner Sicht ist er ein genialer Spieler, aber leider zu sehr in sich selbst verliebt und nicht unbedingt teamfähig. Natürlich gab es bei ihm einige Integrationsprobleme, aber nach zwei bis drei Jahren hätte man von ihm eigentlich erwarten können, dass er die hiesige Mentalität etwas verinnerlicht hat. Trotzdem war er natürlich ein gewisser Farbtupfer. Ich denke, wenn ein Spieler zum Training bei Minusgraden nur ein dünnes Designerhemd am Oberkörper trägt, würde wohl fast jeder Manager schlaflose Nächte haben.