16 Henrik Agerbeck

Foto und Interview: Juli 2006

Sie kamen 1978 zu Hertha BSC als mit Ole Rasmussen schon ein anderer Däne beim Verein spielte. Hat Rasmussen auch den Kontakt zwischen Hertha und Ihnen hergestellt?

Ich hatte ja in dieser Zeit gerade mein erstes Länderspiel für Dänemark absolviert. Daraufhin zeigten Dortmund und Hertha Interesse, mich zu verpflichten. Dass Ole schon bei Hertha spielte, war zwar nicht der einzige Grund zu Hertha zu gehen, es hat mir aber bei meiner Entscheidung durchaus geholfen. Heute habe ich dagegen kaum noch Kontakt zu ihm. Ich weiß zwar, wo er wohnt, aber meistens schaffen wir es dann zeitlich nicht, uns zu verabreden. Das ist halt etwas schwieriger als hier in der Stadt, wo man im „Hanne am Zoo“ ziemlich leicht auch mal ehemalige Spieler treffen kann.

Warum haben Sie eigentlich nur so wenige Länderspiele für Dänemark gemacht?

Das hatte mit dem damaligen Trainer Sepp Piontek zu tun. Ich bin ja im Anschluss an meine Zeit bei Hertha nach Frankreich gegangen, und Piontek hatte wohl keine so hohe Meinung vom französischen Fußball. Er dachte offenbar, dass man als Spieler dort nur Urlaub machen würde. Das war schon etwas schade, schließlich bin ich mit Nantes sogar mal französischer Meister geworden.

Haben Sie sich bei Hertha BSC eigentlich von Anfang an gut integriert gefühlt?

Ja, denn ich habe ja auch sofort spielen können, obwohl es von Nigbur über Kliemann bis hin zu Beer bereits sehr viele etablierte Spieler in der Mannschaft gab. Normalerweise heißt es ja, dass man etwa ein Jahr braucht, um in eine Mannschaft reinzukommen. Was mir natürlich zugute kam, war die Tatsache, dass ich schon in der Schule in Dänemark Deutsch gelernt hatte. Deshalb hatte ich auch nicht nur mit Rasmussen Kontakt, sondern genauso auch mit Weiner, Sziedat oder Nüssing. Und wenn ich mal sprachlich an meine Grenzen gekommen bin, konnte ich mich mit Gersdorff noch auf Englisch unterhalten. Ich bin ja auch abends oft mit Mannschaftskameraden ausgegangen, wir haben unheimlich viel zusammen unternommen. Trotz der Mauer habe ich mich damals in Berlin sehr frei gefühlt, die Stadt war schon etwas Besonderes.

Sie sollen Ihre Zeit bei Hertha BSC mal als die schönste in Ihrer Karriere bezeichnet haben.

Das stimmt. Für mich war Hertha ja der erste Verein, bei dem ich einen richtigen Profivertrag hatte. Es war schon eine tolle Sache für mich, dass ich mit meinem größten Hobby auch noch Geld verdienen konnte. Außerdem war die Stimmung in der Mannschaft sehr gut. Oft ist es ja so, dass man als junger, ausländischer Spieler erst einmal nur als Konkurrent wahrgenommen wird. Aber spätestens nach dem Trainingslager habe ich davon nichts mehr gespürt. Ich wäre jedenfalls gern noch einige Jahre länger bei Hertha geblieben.

Nach Herthas Abstieg 1980 sah es ja zunächst auch so aus, als würden Sie dem Verein treu bleiben, Sie sind sogar noch auf dem offiziellen Mannschaftsfoto der Saison 1980/81 zu sehen. Wie kam es dann dennoch zum Wechsel nach Frankreich?

Ich habe damals bei einem Freundschaftsspiel eine rote Karte bekommen. 1980 galt die Sperre nach einem Freundschaftsspiel dann auch für die 2. Bundesliga und ich wurde gleich für acht Spiele gesperrt. Nach dem Freundschaftsspiel hat man mich dann aus dem Trainingslager nach Hause geschickt. Kurz darauf habe ich schließlich aus der Zeitung erfahren, dass mich Hertha auf die Transferliste gesetzt hatte. Dafür gab es vermutlich mehrere Gründe: Zum einen hat man wohl gesehen, dass ich erst sehr spät in der Hinrunde hätte spielen können, zum anderen war so ein weiterer Platz für einen Ausländer frei. Jedenfalls landete ich bekanntlich kurz darauf bei Nantes. Ursprünglich war es auch mit meiner Frau so abgesprochen, dass wir nach drei Jahren nach Deutschland zurückkommen wollten, aber es lief dann eben etwas anders. Man hatte einen guten Namen in Frankreich und deshalb blieb man halt da, zumal einen in der Bundesliga nach drei Jahren Abstinenz kaum jemand mehr kannte.

Tragen Sie den Hertha-Verantwortlichen von damals noch etwas nach?

Überhaupt nicht. Auch wenn mein Abgang von Hertha BSC damals nicht so schön war, freue ich mich heute, wenn ich Wolfgang Holst bei meinen Besuchen in Berlin mal treffe. Was früher einmal war, ist inzwischen längst vergessen.

Unter den Skandinaviern gelten die Schweden als eher melancholisch, die Dänen dagegen als eher lustig. Stimmt dieses Bild?

Ich glaube schon. Wir sind tatsächlich sehr fröhliche Menschen und wissen, wie man lebt. Das sieht man auch bei Fußball-Turnieren. Wenn dänische Fans dabei sind, herrscht grundsätzlich gute Stimmung und man muss keine Angst vor Hooligans haben.

Nach Ihrer Fußball-Karriere sind Sie dann als Fisch-Importeur in Frankreich geblieben.

Ja, wir haben damals zu zweit angefangen, und mittlerweile hat die Firma insgesamt 15 Mitarbeiter. Es läuft also ganz gut. Fisch wird halt immer gegessen.

Wie haben Sie die Unruhen vor einem Jahr in Frankreichs Vorstädten erlebt?

Im Prinzip gar nicht, denn in den Zentren von Paris oder meiner Heimatstadt Boulogne-sur-Mer hat man davon nicht viel gemerkt. Das spielte sich tatsächlich fast nur außerhalb der Städte ab. Meine Meinung ist, dass diese Leute die Franzosen zu wenig respektieren. Manche von ihnen zahlen ihre Miete ja gar nicht selber, da sollte man zumindest erwarten dürfen, dass sie ihre Wohngegenden nicht zerstören.

Sind Sie inzwischen eigentlich auch offiziell Franzose?

Nein, obwohl ich seit mittlerweile 26 Jahren in Frankreich lebe, habe ich nach wie vor nur meinen dänischen Pass. Bei meinen drei Kindern ist das natürlich anders, die haben beide Staatsbürgerschaften, und darüber hinaus sogar auch noch die schwedische, weil meine Frau Schwedin ist.

Wie sehen Sie heute aus der Distanz auf Hertha BSC oder Berlin als Fußballstadt?

Das umgebaute Stadion gefällt mir schon mal sehr gut, da hätte man Lust, noch mal selber als Spieler einzulaufen. Zu meiner Zeit war Hertha ja fast so etwas wie ein Symbol, Berlin brauchte damals einfach einen Bundesligisten. Heute dagegen wundert es mich manchmal, dass der Verein nicht direkt hinter Bayern München steht und diese Stadt nicht sogar zwei Bundesligisten hat. Ich verfolge die Entwicklung von Hertha jedenfalls auch durch das französische Fernsehen und hänge nach wie vor an diesem Verein. Zwei gute Jahre vergisst man eben nicht so leicht.

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