15 Karl-Heinz Granitza

Foto und Interview: September 2003

Sie haben Ihre ersten Spiele für Hertha BSC erst mit Mitte 20 absolviert. Was war der Grund dafür, dass Sie eher als Spätstarter zum Profifußball kamen?

Am Anfang meiner Karriere habe ich beim Zweitligaclub Gütersloh mit Rudi Schlott einen Trainer vorgefunden, mit dem ich nicht so gut zurechtkam. Erst bei Völklingen klappte es dann und ich wurde mit 29 Toren Torschützenkönig in der 2. Bundesliga Süd. Danach hatte ich plötzlich fünf Bundesliga-Angebote. Das ist das erste Mal, dass ich das erwähne: Auch Bayern München gehörte dazu. Gerd Müller wurde damals gerade an der Bandscheibe operiert, und so fragte man bei mir an. Mein Trainer riet mir jedoch von einem Wechsel ab, weil er der Meinung war, wenn der Gerd Müller – mit dem ich heute sehr gut befreundet bin – wieder zurückkommt, dann hätte ich keine Chance. Ich habe damals auf meinen Trainer gehört und stattdessen das Angebot von Hertha BSC angenommen, um dann dort sofort spielen zu können. Die ganzen Jahre vorher war es so, dass meine jeweiligen Trainer immer meinten, ich solle noch ein Jahr dranhängen, und da ich sehr loyal eingestellt bin, habe ich das dann meistens auch getan. Richtig wäre es gewesen, wenn ich mich schon damals schneller für den einen oder anderen Wechsel entschieden hätte. Wenn es in den 70ern allerdings schon diese Fülle an Scouts gegeben hätte, dann wäre ich wohl schon mit 20 in der Bundesliga gelandet.

Wie lief denn das Zusammenspiel mit Erich Beer? Auffällig ist, dass Erich Beer während Ihrer gemeinsamen Zeit zwischen 1976 und 1978 deutlich weniger Tore geschossen hat als in den Jahren zuvor und in den Monaten danach.

Ich glaube, wenn man sich meine Statistiken aus meiner Zeit in Amerika anschaut, dann kann man sehen, dass ich dort auch in punkto Vorlagen der erfolgreichste Mittelstürmer aller Zeiten war. Ohne Erich Beer zu nahe treten zu wollen, aber ich habe auch ihm sehr viele Vorlagen gegeben. Ich fand, dass ich eigentlich sehr gut mit ihm zusammengespielt habe. Andererseits ist er ja damals auch in die Jahre gekommen und ich war mit meinen 17 Toren pro Jahr einfach torgefährlicher.

Wie haben Sie Trainer Kuno Klötzer erlebt? Er wurde oft als hart, jedoch auch als gerecht und väterlicher Freund beschrieben.

Ich glaube, er hatte all diese Eigenschaften, die Sie gerade genannt haben. Im entscheidenden Moment konnte er schon hart sein, er hatte jedoch auch ein sehr gutes Gefühl für eine Mannschaftsaufstellung. Er konnte zudem mit wirklich guten Fußballern menschlich gut umgehen. Ich kann mich also in keiner Weise an eine negative Seite von Kuno Klötzer erinnern. Er war gesellig, liebevoll und hat einen wirklich gefördert. Ich denke, er war gerecht zu allen Spielern, soweit dies bei einem Kader von 20 Spielern möglich ist.

Auch die Stimmung innerhalb der Mannschaft soll sehr gut gewesen sein. Gab es dennoch Spieler, die damals ein wenig abseits standen?

Bernd Gersdorff war zunächst ein ziemlicher Einzelgänger. Den konnte man durchaus als Exzentriker bezeichnen. Wenn er mal nicht gespielt hat, verstand er überhaupt nicht, warum das so sein musste. Dabei war die Entscheidung oft vollkommen gerechtfertigt. Er kam eben von einem Verein, in dem er ein gewisses Ansehen hatte, bei uns musste er sich jedoch erst einmal etablieren.

Wie haben Sie Berlin Mitte bis Ende der 70er erlebt? In dieser Zeit hat ja auch David Bowie hier gelebt und einige seiner besten Alben aufgenommen.

Ich habe David Bowie damals sogar mal in einem Nachtlokal kennengelernt. Vermutlich kann er sich an mich aber nicht mehr erinnern, weil er mit Fußball ja eher wenig zu tun hat. Ich glaube, dass die Stadt damals ganz anders gelebt hat. Es war zwar eine Inselstadt, aber sie lebte. Deswegen hat sich David Bowie ja damals auch für diese Stadt entschieden, weil das Nachtleben einmalig war. Nichts gegen das heutige Nachtleben, aber wir werden ja alle ein bisschen älter und ich gehe natürlich auch nicht mehr so häufig weg. Aber ich denke, Berlin ist die Stadt in Europa und muss sich vor London, Paris oder Rom überhaupt nicht verstecken.

Wie sind Sie Ende der 70er nach Amerika zu den Chicago Stings gekommen?

Als ich bei Hertha spielte, hatte der Verein immer finanzielle Probleme, wir Spieler mussten teilweise schon mal etwas länger auf unser Gehalt warten. Hertha BSC musste mich also aus finanziellen Gründen verkaufen. Zudem hatten mir die Chicago Stings nach einer dreimonatigen Probezeit einen 5-Jahres-Vertrag angeboten, das hat zu dieser Zeit kein Bundesligist getan. Ich wollte das also auch selber, zumal es mir damals in Chicago ausgezeichnet gefallen hat.

Obwohl Sie in Amerika äußerst erfolgreich gespielt haben, sollen Sie Ihren Entschluss teilweise bedauert haben. Wie passt das zusammen?

Ich habe das insofern bedauert, weil ich zu meiner besten Zeit nach Amerika gegangen bin. Ich hatte damals ja bereits ein B-Länderspiel absolviert, und stand auch schon im Notizbuch von Jupp Derwall. Ich hätte gerne ein paar Länderspiele gemacht, weil ich bestimmt nicht soviel schlechter war als ein Dieter Müller oder ein Klaus Fischer. Das war das Einzige, was ich bedauert habe, sonst hat mir Amerika wirklich gut gefallen. Ich habe dort viele Freunde gewonnen, immerhin habe ich dort zehn Jahre gelebt.

Sie waren damals in einer Mannschaft mit weiteren ehemaligen Herthanern wie Arno Steffenhagen, Hans Weiner oder Jörgen Kristensen. War gerade zu diesen Spielern der Kontakt besonders eng?

Da muss ich meiner Frau ein ganz besonders großes Kompliment machen. Zu Weihnachten gab es bei uns immer Gans-Essen und die ganze deutsche Clique und Jörgen Kristensen waren immer herzlich eingeladen und haben dann bei uns zuhause Weihnachten verbracht. Meine Frau war in dieser Hinsicht wirklich sehr kreativ. Ich glaube, dass die Spieler einen gewissen Anhaltspunkt gebraucht haben und deswegen sind auch viele häufig zu uns nach Hause gekommen. Wir haben da ein sehr herzliches Verhältnis miteinander gepflegt, und tun dies auch heute noch.

Hans Weiner ist 1984 noch einmal zu Hertha BSC zurückgekehrt und hat zwei Jahre in der 2. Liga für den Verein gespielt. Haben Sie das auch in Erwägung gezogen?

Zu dieser Zeit habe ich ja gerade mit vier oder fünf Freunden einen neuen Verein gegründet, weil es die Chicago Stings ab Mitte der Achtziger nicht mehr gab. Ich habe mich in Chicago sehr wohl gefühlt, meine Kinder gingen dort zur Schule, und wir waren einfach noch nicht bereit, wieder nach Deutschland zurückzukehren. Dieser Entschluss ist ja erst 1989/1990 gereift, als die Grenzen aufgemacht wurden. Wir wollten miterleben, wie Deutschland zusammenwächst, das war der Grund für unsere Rückkehr.

Sie haben in Amerika gegen Spieler wie Franz Beckenbauer oder Johan Neeskens gespielt. War da noch dieser große Respekt oder haben Sie in diesen Spielern eher schon die angehenden Fußball-Rentner gesehen?

Nein, so war das bestimmt nicht. Ich denke, Weltklasse-Spieler konnten damals wie auch heute bis 35 oder 36 Jahren ein gewisses Niveau halten. Ich habe Müller und Beckenbauer, aber auch Cruyff und Neeskens einen hohen Respekt entgegengebracht, und diesen ja auch zurückbekommen. Als Pelé damals sagte, dass ich der momentan vielleicht beste Freistoß-Spezialist der Welt bin und Beckenbauer mich als überragenden Stürmer bezeichnete, hat mich das natürlich sehr gefreut. Am Anfang hatte ich fast ein wenig Ehrfurcht vor diesen Spielern, aber irgendwann bekam ich ja auch selber einen gewissen Stellenwert, wodurch sich das wieder ein wenig relativiert hat.

Mit wem von Ihren alten Mitspielern haben Sie denn heute noch Kontakt?

In erster Linie mit Uwe Kliemann, wir telefonieren praktisch jede Woche miteinander. Dann auch noch mit Hans Weiner, in dessen Lokal ich öfter mal gehe, Michael Sziedat, Gerd Grau, Wolfgang Sidka und Ole Rasmussen. Jörgen Kristensen habe ich mittlerweile etwas aus den Augen verloren. Ab und an habe ich auch noch Kontakt zu Lorenz Horr, der für mich der beste Hertha-Spieler aller Zeiten gewesen ist. Nichts gegen einen Weltklasse-Spieler wie Marcelinho, aber ich persönlich habe von keinem Spieler so viel gelernt wie von Lorenz Horr.

Ist mit einem der Spieler, die Sie gerade aufgezählt haben, vielleicht erst im Nachhinein eine Freundschaft entstanden?

Uwe Kliemann ist da wirklich das beste Beispiel. Wir haben uns damals viel auf die Knochen gehauen und sind auch in Gesprächen manchmal ziemlich ruppig miteinander umgegangen. Er als Abwehrspieler hat mich als Mittelstürmer immer sehr distanziert wahrgenommen. Ich dagegen war ein sehr jähzorniger Typ, der einfach nicht verlieren konnte, noch nicht einmal im Training, und im Spiel natürlich erst recht nicht. Da habe ich dann die Abwehrspieler schon mal als Pfeifen bezeichnet. Dadurch hatten wir damals eher eine Hass-Freundschaft. Das hat sich aber mittlerweile so intensiviert, dass man von einer echten Freundschaft sprechen kann. Einen anderen Spieler, den ich in diesem Zusammenhang nicht vergessen darf, ist Dieter Nüssing, der ja jetzt als Manager den Regionalligisten 1. SC Feucht betreut. Auch mit ihm telefoniere ich häufiger mal.

Im WDR lief vor kurzem die Serie „Der Ball ist rund“ in der viele Spieler von damals zu Wort kamen. Haben Sie den Eindruck, dass das alles realistisch wiedergegeben wurde oder ist auch ein wenig Verklärung dabei?

Nach dem kontroversen Interview mit Rudi Völler gibt es diese Meinung ja durchaus. Ich denke aber, der Günter Netzer ist viel zu souverän, um dieser Gefahr grundsätzlich zu erliegen. Natürlich redet auch er mal von vergangenen Zeiten. Man erwischt sich dabei ja selber, dass man sagt, damals wurde noch richtig Fußball gespielt. Heute haben wir jedoch eine andere Generation, und das respektiere ich. Heute wird ein viel schnellerer, athletischerer Fußball gespielt. Deshalb bin ich auch der letzte, der junge Spieler nach einem schlechten Spiel gleich kritisiert und Vergleiche zu früher zieht. Leider merkt man aber auch, dass es nur sehr wenig Spieler gibt, die ein gewisses Charisma haben und auch mal etwas Verrücktes tun. So wie ein Mario Basler zum Beispiel: Zu seiner Glanzzeit war das doch ein Genuss, dem zuzusehen.

Eine ganz andere Frage: Viele andere Bundesligisten haben es hervorragend verstanden, ehemalige Spieler in irgendeiner Form miteinzubinden. Von Hertha BSC kann man das nicht behaupten.

Das wird bei anderen Vereinen tatsächlich weitaus mehr gepflegt. Und zwar nicht nur bei Bayern München, man denke auch mal an Borussia Dortmund. Dort hat es Präsident Niebaum verstanden, dass ehemalige Spieler wie Aki Schmidt, Lothar Emmerich, Theo Schneider, Michael Zorc oder auch Norbert Dickel als Stadionsprecher auch nach ihrer aktiven Karriere einen Platz im Verein gefunden haben. Ich glaube, es liegt ganz allein an Dieter Hoeneß, der offenbar denkt, dass das nicht unbedingt gesund wäre. Nichts gegen seine Verdienste für den Verein, aber ich denke, dass er da einen ganz großen Fehler begeht. Gerade den Posten des neuen Chef-Scouts hätte man aus meiner Sicht besser einem Uwe Kliemann oder Michael Sziedat anbieten sollen. Aber der Dieter Hoeneß bringt es ja nicht einmal auf die Reihe, dem einen oder anderen Ehemaligen mal zwei Karten für ein Hertha-Spiel zu hinterlegen. Gerade bei einem so verdienten Spieler wie dem Werner Ipta, der gerade einen Fuß verloren hat, hätte das selbstverständlich sein müssen. Darüber müsste sich der Dieter Hoeneß mal Gedanken machen. Sein Umgang mit den ehemaligen Spielern ist einfach katastrophal, er ist ja noch nicht einmal telefonisch zu sprechen. Ich denke, ich spreche im Namen von vielen ehemaligen Spielern, wenn ich sage, dass man uns mehr Respekt entgegen bringen sollte. So wie der Umgang momentan ist, ist das eine Frechheit, das gehört sich einfach nicht. Das würde ich dem Hoeneß auch noch einmal ins Gesicht sagen, aber der läuft ja immer weg.

In den 90ern haben Sie sich ja gerne mal mit bunten Brillen auf der Nase interviewen lassen und auch eine Kolumne für die „B.Z.“ geschrieben. Beides brachte Ihnen kurzzeitig einen eher schrägen Ruf ein, der Ihnen nicht unbedingt gerecht wurde.

Das kam ja in erster Linie durch Axel Kruse auf. Den habe ich in einer meiner Kolumnen eigentlich vollkommen berechtigt kritisiert. Daraufhin meinte Kruse dann, dass ich mich vielleicht eher einem Karnevalsverein anschließen solle. Was die Brille angeht, muss ich sagen, dass ich meine jetzige Brille schon wieder für zu konservativ halte. Ich werde mir also demnächst eine neue kaufen, und die dann wieder pink einfärben lassen.

Sie haben vor einigen Minuten bereits Marcelinho lobend erwähnt. Gibt es noch andere aktuelle Hertha-Spieler, von denen Sie viel halten?

Den Weg von Arne Friedrich habe ich schon seit seiner Zeit beim SC Verl verfolgt. Da habe ich damals schon gesagt, dass das ein außergewöhnlicher Spieler ist. Lediglich im technischen Bereich kann er noch etwas zulegen. Ansonsten fällt mir da aus der Bundesliga auch noch Benny Lauth von 1860 München ein. Der ist wirklich auf dem Weg zu einem Weltklasse-Spieler. Den würde ich sofort reinschmeißen in die Nationalmannschaft, so gut ist der. Solche Spieler muss man von Anfang an fördern und nicht ständig davon reden, dass diese Spieler vielleicht noch nicht so weit sind.

Was denken Sie über den aktuellen Trainer Huub Stevens? Teilweise hat man ja den Eindruck, dass er eigentlich noch nicht richtig angekommen ist.

Stevens ist ja ein anerkannt guter Trainer, der immerhin mit Schalke den Uefa-Pokal gewonnen hat. Natürlich wirkt er momentan noch etwas unterkühlt. Ich weiß nicht warum, aber ich glaube, dass es ihm bisher noch nicht gelungen ist, die Nähe zu den Fans herzustellen. Man muss auch auf die Leute zugehen können. Das Komische ist, dass der Huub Stevens ja normalerweise so ein Typ ist. Ich glaube nicht, dass er Fans einfach so wegschicken würde, wenn welche mit ihm reden wollen. Er ist ja schließlich auf Schalke geschult worden. Da muss man schon nett und freundlich sein, um von den Fans die Anerkennung zu bekommen. Insofern mache ich mir um den Stevens auch keine Sorgen. Früher oder später wird sich bei ihm schon der Erfolg einstellen.