10 Holger Brück

Foto und Interview: Mai 2006

Sie kamen 1972 zu Hertha BSC als die Mannschaft gerade extrem im Umbruch war. Was herrschte damals vor: Aufbruchstimmung oder Abstiegsangst?

Mit Erich Beer, Lorenz Horr und Michael Sziedat waren 1972 tatsächlich nur noch wenige bereits etablierte Spieler im Kader, da war schon eine begründete Angst da, dass man vielleicht absteigen muss. Die ersten Saisonspiele haben wir ja auch erst einmal nur verloren. Erst, als Ludwig Müller kam, konnten wir uns wirklich stabilisieren.

In den 70ern gab es mehrere Jahre hintereinander, in denen Sie komplett alle 34 Spiele absolvierten. Wie haben Sie das geschafft?

Ganz am Anfang habe ich gerade mal 65 Kilo gewogen, da haben viele noch gemeint, ich sei zu klein und zu schwächlich. Trotzdem habe ich mich dann durchgebissen, und es zeigte sich sogar, dass ich zu den Spielern gehörte, die kaum verletzungsanfällig sind. Das hatte natürlich auch den Riesenvorteil, dass man eine gewisse Konstanz hatte und nicht immer wieder von vorne anfangen musste. Mein letztes Spiel im Profifußball habe ich dann ja genau genommen erst mit 42 Jahren in der 2. Liga bei Hessen Kassel absolviert.

Sie waren bei Hertha während Ihrer neun Jahre grundsätzlich Leistungsträger, trotzdem standen andere Spieler mehr im Mittelpunkt. Haben Sie sich manchmal unterschätzt gefühlt?

Nein, eigentlich nicht. Ich bin schließlich bei den Kritiken meistens ganz gut weggekommen, deshalb fühlte ich mich auch nicht unterschätzt. Höchstens in Bezug auf die Nationalmannschaft. Wenn ich heute so zurückdenke, wer da um 1978 so alles auf der Liberoposition getestet wurde, dann fand ich mich da auch nicht unbedingt schlechter.

Empfanden Sie es als Last, dass 1979 nach dem Weggang von Führungsspielern wie Nigbur und Beer noch mehr Verantwortung auf Sie zukam?

Überhaupt nicht. Ich habe mich immer voll eingesetzt und mich als Spieler eigentlich nie wirklich überfordert gefühlt. Ich bin zwar privat eher der ruhige Typ, aber auf dem Platz war ich ganz anders. Oft konnte ich ganz gut dirigieren ohne dabei gleich laut zu werden, aber es gab auch Szenen, da konnte ich mich unheimlich aufspielen und sehr bissig sein. Wenn mich meine Mutter dann im Fernsehen gesehen hat, fragte sie mich hinterher schon mal: „Das warst doch nicht du, oder?“ Ich denke, mit Erich Beer war das z. B. ganz ähnlich. Erich war ja auch nie jemand, der eine besonders große Klappe gehabt hat, und trotzdem war er bei uns Führungsspieler.

Ihr größter Erfolg mit Hertha war 1975 die Vizemeisterschaft. Dabei waren die Vorzeichen am Anfang der Saison eigentlich gar nicht so gut.

Als Georg Kessler damals Trainer wurde, hat ihm Luggi Müller knallhart gesagt: „Herr Kessler, wir wollen Sie als Trainer nicht haben.“ Kessler meinte darauf nur, dass ihn das nicht interessiere und er einen Vertrag habe. Ein Jahr später sind wir dann tatsächlich mit genau diesem Trainer Zweiter geworden, und das, obwohl wir unter Kessler wesentlich weniger trainiert haben als die Jahre zuvor. So komisch das klingt, aber vielleicht waren wir ja gerade deswegen so fit. Wir hatten damals jedenfalls nicht nur den Sonntag trainingsfrei, sondern den Montag gleich mit dazu. Und trotzdem lief es in dem Jahr. Kessler muss also einiges richtig gemacht haben.

Normalerweise heißt es bei einer hohen Niederlage, der Torwart sei noch der beste Spieler gewesen. Bei Herthas 0:6 gegen den Hamburger SV in der Saison 1979/80 war das jedoch etwas anders.

Ich sehe den Wolfgang Kleff auch heute noch ab und zu, und dann ziehe ich ihn gern mal damit auf. Man konnte ihm schon ziemlich deutlich anmerken, dass er nach den ersten zwei, drei Gegentoren im Prinzip keinen Bock mehr gehabt hat. Als Mitspieler war Wolfgang aber ein Supertyp.

Warum gehörten Sie nach dem Abstieg 1980 zu den wenigen etablierten Spielern, die bei Hertha blieben?

Mir hat es in Berlin damals einfach gut gefallen, und deshalb habe ich nach einem Gespräch mit Wolfgang Holst gesagt, na gut, dann bleibe ich eben noch ein Jahr. Meine Bedingung war aber, dass ich erst Mittwoch zum Training kommen muss, da meine Familie zu dem Zeitpunkt bereits wieder in Kassel lebte. Holst war damit auch einverstanden, doch Trainer Klimaschefski hat das damals gar nicht gefallen.

Wie kamen Sie insgesamt mit Klimaschefski klar?

Das Training hat bei ihm eigentlich Spaß gemacht, doch die Art seiner Mannschaftsführung fand ich nicht so klasse. Wie er Spieler wie Dickert oder Pagel damals vor der Mannschaft bloßgestellt hat, das war schon derb und definitiv unter der Gürtellinie. Gegen Pagel wollte er mal über den ganzen Platz 1 gegen 1 spielen, und als es dazu kam, hat er sogar gewonnen. Klimaschefski war ja zuvor in Homburg, und da hat er wahrscheinlich richtig gut hingepasst. Er war zwar nicht der alleinige Grund, aber zumindest einer der Gründe, weswegen ich Hertha dann 1981 verlassen habe. Ein anderer Grund war der, dass es mich einfach sehr gereizt hat, mal in Amerika zu spielen.

Wo Sie dann viele alte Bekannte getroffen haben.

Das ist richtig. Dort war ich ja mit Spielern wie Franz Gerber, Willi Reimann, Jürgen Röber und Gerd Zimmermann in einer Mannschaft. Und dann hat man bei den Spielen ja auch ständig andere Spieler getroffen, die man von früher kannte, z. B. Karl-Heinz Granitza, wenn wir gegen Chicago spielten. Da hat man sich manchmal fast ein wenig wie in der Bundesliga gefühlt. Oft war es aber auch ziemlich anstrengend, besonders, wenn man drei Spiele in der Woche hatte und quer durch die USA fliegen musste. Den Begriff „Operettenliga“ fand ich damals jedenfalls ziemlich unpassend, denn mit Freizeitfußball hatte meine Zeit in Amerika wirklich gar nichts zu tun.

Als Sie dann nach Kassel zurückkehrten, waren Sie erst Spieler und später dann auch Trainer und Präsident des Vereins. Außerdem sind Sie noch Inhaber eines Sportartikel-Geschäfts.

Schon mit einem Geschäft ist man eigentlich genug ausgelastet, so etwas kann man definitiv nicht nebenbei machen. Wie ich das früher zusammen mit meinen Verpflichtungen bei Hessen Kassel unter einen Hut bekommen habe, ist mir manchmal selbst ein Rätsel. Dabei kümmere ich mich sogar heute noch um manche Dinge im Verein, aktuell z. B. die Altherrenmannschaft von Hessen Kassel, in der ich auch selbst noch mitspiele.

Advertisements