09 Ludwig Müller

Foto und Interview: Oktober 2006

Vor Ihrer Zeit bei Hertha BSC haben Sie beim 1. FC Nürnberg und bei Borussia Mönchengladbach eher in Spitzenmannschaften gespielt. Reizte es Sie, auch mal einem Verein zu helfen, der in Ihrer ersten Saison gegen den Abstieg spielte?

Die Voraussetzungen waren bei Hertha damals tatsächlich ganz besondere. Bei Borussia Mönchengladbach war ich die zehn Monate zuvor durch einen Schienbeinbruch verletzt und da habe ich das Angebot von Hertha durchaus dankbar angenommen. Ich wollte mich einfach auch noch einmal selbst bestätigen. Die ganzen Gazetten schrieben damals schon etwas vom Ende einer Karriere, also sagte ich mir, denen zeige ich es noch mal.

Sie sind vor einigen Jahren von den Fans in die Hertha-Elf des Jahrhunderts gewählt worden. Staunen Sie manchmal selber darüber, wie gut Sie den Leuten noch in Erinnerung sind?

Als ich von dieser Wahl erfuhr, hat mich das schon mit einem gewissen Stolz erfüllt. Warum man mich gewählt hat, können natürlich nur die Leute selbst sagen. Ich vermute aber, viel hatte damit zu tun, wie ich mich auf dem Platz gegeben habe. Selbst im Oberring merken die Zuschauer sehr genau, wenn da unten auf dem Spielfeld jemand steht, der die Ärmel hochkrempelt. Wahrscheinlich war es das, was mich damals ein wenig ausgezeichnet hat. Auch mit den Berliner Fans hatte ich nie Probleme, im Gegenteil. Schon meine ehemaligen Nürnberger Kollegen Ferschl und Wild haben mir nur Gutes über ihre Zeit in Berlin erzählt, und im Nachhinein hat sich das auch für mich selber bestätigt.

Wie erinnern Sie sich an die Geschichte als Trainer Kronsbein mal heimlich im Nebenraum saß, um die Gespräche von Spielern mit einem Abhörgerät mitzuverfolgen?

Es gab da tatsächlich eine Geschichte, die auch stimmt, aber da Kronsbein inzwischen ja tot ist, möchte ich nicht nachtreten. Natürlich fand ich diese Sache damals nicht so witzig, aber heute sollte das vergessen sein. Lassen wir ihn also ruhen.

Warum gab es in Ihren ersten beiden Jahren bei Hertha eigentlich kein Bergmann-Sammelbild von Ihnen?

Das hatte Lizenzgründe, die haben das alles ganz global gemacht. Ich war damit nicht einverstanden, weil mir die Höhe der Bezahlung einfach nicht gepasst hat. Also habe ich mir gesagt, die anderen sollen machen was sie wollen, ich bin mein eigener Herr. Ich habe dann stattdessen eigene Autogrammkarten drucken lassen, und die auch selbst bezahlt.

Sie mussten damals bei Hertha erst am Mittwoch zum Training erscheinen. Hatten Sie ähnliche Vereinbarungen vorher auch schon mit dem 1. FC Nürnberg und Borussia Mönchengladbach?

Beim 1. FC Nürnberg hatte ich eine solche Regelung noch nicht. Anders war es bei Borussia Mönchengladbach. Dort war Hennes Weisweiler längst nicht so streng wie ihm nachgesagt wurde, sondern eigentlich ein Kumpel. Ich hatte ja schon zu meiner Zeit in Mönchengladbach ein eigenes Geschäft, um das ich mich kümmern musste. Oft bin ich dann am Montag zu irgendwelchen Messen gefahren um dort einzukaufen, und damit war Weisweiler auch einverstanden. In Berlin war es dann so, dass ich tatsächlich erst am Mittwoch zum Training gekommen bin, und das hat Trainer Kronsbein beinah verrückt gemacht, denn die meiste Arbeit mit der Mannschaft wurde ja am Montag oder Dienstag gemacht.

Gab es bei Hertha damals Mitspieler, die mit Ihrer Sonderregelung nicht einverstanden waren?

Für die meisten war das wohl ganz in Ordnung. Entscheidend war halt, dass ich dann auf dem Platz die Leistung gebracht habe, und das haben meine Mitspieler ja auch gemerkt. Genau genommen gab es nur einen Spieler, der mit dieser Regelung ein Problem hatte, und das war der Erich Beer. Ich weiß auch gar nicht warum, vielleicht war ja da so ein gewisses Neidgefühl bei ihm. Mich hat das aber überhaupt nicht interessiert, denn wer war denn zur damaligen Zeit Erich Beer?

Früher ist man im Fußball ja noch ganz anders mit Verletzungen umgegangen. Wer nicht gerade ein gebrochenes Bein hatte, musste selbstverständlich auf den Platz. Sind Sie im Nachhinein der Meinung, dass manche Trainer sich gegenüber den Spielern unverantwortlich verhalten haben?

Zumindest kleine Spätschäden haben wir wahrscheinlich alle aus der damaligen Zeit, aber das lag nicht an den Trainern. Es lag an uns selbst und der Tatsache, dass in den ersten Jahren der Bundesliga noch nicht ausgewechselt werden konnte. Die elf Spieler, die aufgelaufen sind, waren nun mal diejenigen, die das Geld verdient haben. Dadurch wurde auch schon mal die eine oder andere Verletzung verschwiegen.

Welches Ihrer sechs Länderspiele ist Ihnen am besten in Erinnerung?

Selbstverständlich das erste. Damals ging es gegen unseren sportlichen Erzfeind England und durch ein Tor von Franz Beckenbauer war das unser erster Sieg gegen die Engländer überhaupt.

1974 wurde Dettmar Cramer für wenige Tage Herthas Trainer und wurde dann gegen den Willen der Mannschaft durch Georg Kessler ersetzt. Was hatte Cramer, dass sich die Mannschaft damals so für ihn eingesetzt hat?

In meiner ganzen Karriere habe ich nie einen Trainer gehabt, der rhetorisch so geschult war wie Dettmar Cramer. Er hat es in den wenigen Tagen tatsächlich geschafft, die ganze Mannschaft so zu faszinieren, dass wir gesagt haben, wir wollen Cramer als Trainer haben. Während dieser Geschichte waren wir ja gerade im Trainingslager in Herzogenaurach als mich der damalige Hertha-Präsident Warnecke anrief um mir mitzuteilen, dass wir mit Georg Kessler einen neuen Trainer hätten. Daraufhin habe ich der Mannschaft gesagt, dass wir uns unbedingt unterhalten müssten und die Spieler in mein Haus eingeladen. Wir haben uns dann beraten, wie wir es anstellen können, dass wir Dettmar Cramer als Trainer behalten. Wir waren einstimmig der Ansicht, dass wir für den Verein ein paar Freundschaftsspiele ohne Gage absolvieren könnten um Hertha so aus dem Vertrag mit Kessler herauszukaufen. Auf diesen Vorschlag ging Warnecke jedoch nicht ein, stattdessen erklärte er mir, dass Kessler einen rechtsgültigen Vertrag habe und demnächst ins Trainingslager kommen würde. Als Kessler dann kam, hatte ich als damaliger Kapitän die undankbare Aufgabe, ihm zu sagen, dass die Mannschaft ihn nicht als Trainer haben will. Das ist mir sicherlich nicht leicht gefallen, schließlich kannte ich den Mann überhaupt nicht. Das Angebot der Mannschaft, ihn finanziell auszuzahlen, interessierte ihn aber gar nicht, stattdessen sagte er klipp und klar, dass er auf seinen Vertrag besteht weil er sich in der Bundesliga bestätigen wolle. Als ich das Cramer mitteilte, hat der seine Klamotten zusammengepackt, ist aus seinem Zimmer ausgezogen und Kessler ist eingezogen.

Erstaunlicherweise ist Hertha BSC ausgerechnet in dieser Saison Vize-Meister geworden. Warum haben Sie 1975 dennoch nach nur drei Jahren bei Hertha BSC aufgehört?

Weil ich eine Vereinbarung mit meiner Frau hatte, und darüber hinaus auch bereits ein eigenes Geschäft mit bis zu 14 Angestellten. Meiner Frau hatte ich damals versprochen, mit dem Fußball aufzuhören wenn unser Sohn in die Schule kommt, und wenn ich etwas verspreche, dann halte ich das auch. Wolfgang Holst wollte mich ja noch für zwei weitere Jahre halten, aber ich habe ihm gleich gesagt, dass er sich da nicht zu bemühen braucht.

Was war aus Ihrer Zeit als Fußballer das wichtigste Motto für Ihre Zeit nach dem Fußball?

Ich kann der jüngeren Fußballer-Generation nur mit auf den Weg geben, dass sie sich rechtzeitig nach einem zweiten Standbein umschaut. Die Zeit als Fußballer ist schnell vorbei, und man hat danach noch viele lange Jahre. Dass diese Jahre ebenfalls sehr schön sein können, erfahre ich gerade selber mit meiner Familie und meinem Geschäft, aber man muss eben auch rechtzeitig die Weichen dafür stellen.

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