08 Wolfgang Sidka

Fotomontage, Original siehe unten

Foto und Interview: Mai 2004

Sie haben Ihr erstes Spiel für Hertha BSC bereits als Minderjähriger in der Saison 1971-72 absolviert, Ihr zweites Spiel aber erst zwei Jahre später. Haben Sie mal daran gezweifelt, dass es noch etwas wird mit der Profikarriere?

Ich kam ja als A-Jugendlicher zu Hertha als der Bundesliga-Skandal gerade in vollem Gange war. Dadurch, dass dann einige Spieler gesperrt waren, hatte ich dann schon sehr früh die Möglichkeit, zu den Profis zu stoßen. Damals war ich noch Schüler und kam deshalb mit der S-Bahn meistens etwas später zum Training als die anderen. Wenn ich dann schließlich da war, bin ich erst einmal zu Trainer Kronsbein gegangen, um ihm den Grund für meine Verspätung mitzuteilen. Das wiederholte sich dann noch etwa zehnmal, weil sich Kronsbein das nie merken konnte. Als die Saison dann vorbei war, hat Hertha kräftig eingekauft und ich habe unter dem Gustav Eder erst einmal bei den Amateuren gespielt. Man muss allerdings dazu sagen, dass ich damals auch körperlich noch nicht so weit war, konstant eine ganze Saison Profifußball spielen zu können. Das ergab sich dann erst sehr viel später mit meinem ersten Profivertrag in der Saison 1974-75.

Wie genau verlief damals der Streit zwischen Norbert Nigbur und der Mannschaft um die Siegprämie für das gewonnene Uefa-Pokalspiel gegen Roter Stern Belgrad?

Wir sollten damals als besondere Anerkennung eine Prämie bekommen, die allerdings nur für die 13 Spieler gedacht war, die bei dem Spiel eingesetzt wurden. Als Mannschaft haben wir uns jedoch entschieden, diesen Betrag durch 20 zu teilen, weil die anderen ja auch ihren Beitrag dafür geleistet hatten. Damit waren dann auch alle einverstanden außer Nigbur, der nur durch 13 teilen wollte. Dieser ganze Streit zwischen der Mannschaft und Norbert Nigbur ging dann sogar soweit, dass wir ihn eigentlich auch nicht mehr im Tor haben wollten, weil uns der Teamgeist wichtiger war.

Hat die Mannschaft mitbekommen, dass der Differenzbetrag damals offenbar von Präsident Holst aus eigener Tasche an Nigbur gezahlt worden ist, damit wieder Ruhe einkehrt?

Das habe ich gerüchteweise auch gehört. Ob das so stimmt, können aber wohl nur Holst oder Nigbur beantworten.

Ist es richtig, dass Sie bei Herthas Aufstieg 1982 zusammen mit Rudi Völler als Neuzugang im Gespräch waren?

Als Berliner hätte ich mir damals eine Rückkehr schon gut vorstellen können. Etwas wirklich Konkretes gab es jedoch nicht, ich habe von der Möglichkeit nur am Rande etwas mitbekommen. Richtige Angebote hatte ich damals nur aus Nizza und aus Bremen. Ich habe mich dann trotz des lukrativeren Angebotes aus Frankreich für Werder entschieden, auch weil mir imponiert hat, wie sehr sich der Verein um mich bemühte. So kam ich dann gemeinsam mit Rudi Völler von 1860 München zu Werder Bremen. Wenn man dann wie wir über einen solchen Zeitraum in einer Mannschaft steht und auch auf dem Zimmer zusammenliegt, dann bleibt natürlich auch etwas hängen für die Zeit nach der aktiven Laufbahn. Wir telefonieren jedenfalls auch jetzt noch ab und zu miteinander.

Sie sind nun schon seit einigen Jahren Trainer. Gab es in der Zeit auch mal wieder Kontakte zu Hertha BSC?

Ja, es gab mal einen konkreten Kontakt im August 1992, als ich gerade mit Oldenburg in der 2. Liga war. Damals kam ich mal zu einem Gespräch mit Herthas Präsident Roloff und einigen anderen Präsidiumsmitgliedern in die Hertha-Villa. Nach dem Gespräch bat ich darum, mir die Sache überlegen zu können, aber bei Hertha wollte man innerhalb von einer Stunde eine Entscheidung haben. Ich bin dann aus der Villa rausgegangen und hatte irgendwie kein gutes Gefühl bei der Sache, weswegen ich dann auch abgesagt habe.

Gab es in den vergangenen Monaten mal Gespräche mit dem Verein?

Ja, als Hertha BSC in der Winterpause einen Trainer suchte, da habe ich mit dem Dieter Hoeneß mal darüber gesprochen. Bei vielen Vereinen ist es ja so, dass man nach seiner Zeit als Spieler erst Jugend- oder Amateurtrainer wird, und dann plötzlich als Trainer bei den Profis landet. Das ist manchmal gar nicht so schwer. Ich denke aber, wenn man stattdessen wie ich nach 24 Jahren zu „seinem“ Verein zurückkehrt, mit der ganzen Erfahrung dieser Jahre, dann kann man dem Verein eine Menge geben. Ich wäre jedenfalls sehr gerne Trainer bei Hertha BSC geworden.

Ihre Trainerstation bei Werder Bremen Ende der 90er fing recht vielversprechend an, doch zu Beginn Ihrer 2. Saison wurden Sie dort relativ schnell entlassen. Müssen Sie da auch eigene Fehler einräumen?

Klar macht man Fehler, die habe ich ja auch zugegeben. Das Problem ist nur, wenn man so etwas als Trainer tut, dann lehnen sich alle anderen plötzlich zurück und suchen überhaupt nicht mehr bei sich selber. Aber so ist es doch oft: Der Erfolg hat viele Väter, der Misserfolg nur einen. Genauso war es auch mit Ailton, den ich damals zu Werder geholt habe. Heute will jeder für seine Verpflichtung verantwortlich gewesen sein, aber als Ailton damals nach meiner Entlassung erst einmal nicht spielte, hieß es: „Und den hat uns der Sidka auch noch hinterlassen“.

Sind Sie als Trainer eigentlich tendenziell eher zu nett oder eher zu hart zu Ihren Spielern?

Das ist ganz unterschiedlich, man muss als Trainer eben nur eine gewisse Konsequenz haben. Oft löst so eine Gruppe das ganz von alleine, aber in Katar war es schon manchmal etwas schwierig, diese ganzen Spieler unter einen Hut zu bekommen. Wenn nicht eine gewisse Hierarchie da ist, dann muss man die als Trainer halt durch gewisse Maßnahmen herstellen. Und bei meiner Trainerstation in Katar habe ich sofort klargemacht, dass Spieler wie Batistuta und Effenberg eine gewisse Sonderstellung haben.

Kann man sich als Trainer eigentlich vollkommen davon freimachen, den einen oder anderen Spieler menschlich sympathischer zu finden als andere?

Die meistens Trainer würden das vermutlich sofort verneinen, aber natürlich gibt es so etwas. Bei einer 50:50 Entscheidung kann das schon mal das entscheidende Prozent ausmachen. Bei mir war es dann schon mal so, dass ich dann eher für den Spieler entschieden habe, um mir nur nichts nachsagen zu lassen. Das ist aber natürlich genauso Quatsch. Am besten wäre es wohl, wenn man das vollkommen ausschalten könnte.

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