07 Klaus-Peter Hanisch

Foto und Interview: Oktober 2004

In Ihren zwei Jahren bei Hertha BSC waren Sie ja nie wirklich Stammspieler. Würden Sie sagen, dass Sie damals gut mit der Situation umgehen konnten?

Die Perspektive ist natürlich etwas anders, wenn man nicht Stammspieler ist. Für mich war ja damals durch eine Verletzung am Großgrundgelenk schon der Start sehr schwierig. Wenn man sich dann wieder herankämpft, ist man bereits mit Teileinsätzen zufrieden. Ich war damals aber auch nicht so ungeduldig wie die heutigen Spieler. Man wusste, wenn man jung ist, muss man erst einmal Erfahrung sammeln. Heute dagegen sind die jungen Spieler schnell sauer, wenn sie mal einige Monate nicht spielen, und wollen dann möglichst sofort den Verein wechseln.

Haben Sie sich damals trotzdem als vollwertiger Teil der Mannschaft gefühlt?

An sich schon. Bei Hertha war die Situation ja auch so, dass die erfahrenen Spieler wie Wolter, Beer und Horr mit den jungen Spielern sehr nett umgegangen sind. Heute ist der Konkurrenzkampf wesentlich höher, weil es auch um viel mehr Geld geht. Wörter wie Kameradschaft sind meiner Ansicht nach nicht mehr so gefragt.

Mit welchen Spielern haben Sie sich damals am besten verstanden?

Wenn man Fußball als Beruf ausübt, ist der Verein ja wie eine Arbeitsstelle. Dass man sich tagtäglich auch noch privat getroffen hat, das hat es eigentlich nicht gegeben. Dennoch gab es aber natürlich Spieler, mit denen man engeren Kontakt hatte. Bei mir waren das insbesondere Thomas Zander und Frank Hanisch.

Apropos Frank Hanisch. Sie sind ja trotz desselben Nachnamens keine Brüder. Gab es damals nicht diverse Irrtümer deswegen?

Nein, das hielt sich eigentlich in Grenzen. Es kamen lediglich mal ab und zu Fragen wie „Warum spielt dein Bruder nicht?“, aber das war’s auch schon.

Gab es damals Spieler, deren Einsatz im Training vollkommen anders war als ihre Leistung auf dem Platz?

Luggi Müller als Nationalspieler war damals jemand, der den Montag und Dienstag noch zuhause in Westdeutschland verbringen durfte und dann erst am Mittwoch zum Training kam. Der brauchte im Training keine große Leistung bringen, weil man ja gesehen hat, dass er das im Spiel tut. Kudi Müller war beim Training sogar richtig schlecht, da haben sich einige gefragt, warum der überhaupt spielt. Aber wenn jemand im Spiel seine Tore macht, dann ist es auch richtig, dass er aufgestellt wird.

Was waren die Stärken und die Schwächen von Trainer Kronsbein?

Kronsbein wurde ja gerne mal als der große Diktator bezeichnet. Er hatte natürlich ganz klar das Sagen und auch viele Eigenheiten. Wenn wir im Trainingslager waren, wurde erst gegessen, wenn Kronsbein am Tisch saß. Wenn Leute damals in Gruppen zusammengestanden haben, hatte er immer das Gefühl, dass dann über ihn geredet wurde. Als ich im Trainingslager mit einigen anderen Spielern an einem Tisch saß, bemerkten wir sogar mal, dass da ein Abhörgerät in Form eines Kugelschreibers auf dem Tisch lag. Und Kronsbein saß damals im Nebenzimmer, um unsere Gespräche mitzuhören. Als wir das bemerkten, ist Luggi Müller aufgestanden, und hat Kronsbein sein Abhörgerät zurückgebracht. Das hätten sich damals wahrscheinlich nicht viele Spieler getraut, aber Müller war eben absoluter Stammspieler. Was das Training angeht, war Kronsbein aber nicht unbedingt der große Feldwebel; er hat auch nicht so hart trainiert, wie oft behauptet wurde. Wenn Co-Trainer Gustav Eder alleine mit uns trainiert hat, war das schlimmer als wenn Kronsbein mit dabei war, denn Gustav hat uns dann wirklich richtig getrieben.

Wie präsent war Wolfgang Holst zu dieser Zeit?

Holst war derjenige, der die Verträge ausgehandelt hat. Damals war man ja erst mit 21 volljährig, und ich kann mich erinnern, dass er zu uns nach Hause kam, und mein Vater dann den Vertrag für mich unterschrieben hat. Wolfgang Holst war schon so ein wenig die väterliche Figur bei Hertha, sehr angenehm im Gespräch und immer ansprechbar.

Sie haben 1976 noch einmal mit Tennis Borussia in der 1. Liga gespielt. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?

Direkt nach meiner Zeit bei Hertha wechselte ich ja erst einmal zu Wacker. Später kam dann das Angebot von Tennis Borussia, wo mit Norbert Stolzenburg schon ein guter Freund von mir spielte. Dort habe ich unter Gutendorf bis zu meiner Verletzung ja auch regelmäßig gespielt. Und als Stammspieler hatte man es eigentlich ganz gut bei ihm. Klar musste er sich in der Öffentlichkeit immer etwas darstellen, gerade beim Training hat er ständig mit irgendwelchen Leuten gesprochen, für die er sich neue Gags ausgedacht hatte. Trotzdem hat er gerade den jungen Spielern mit seiner Erfahrung auch viel Selbstvertrauen gegeben. Manchmal hat er einen z. B. einfach zur Seite genommen und gesagt: „Du machst das schon“ oder „Lass dich nicht von der Presse beeinflussen, du spielst auch beim nächsten Mal“. An Gutendorf habe ich eigentlich wirklich gute Erinnerungen.

Gibt es ehemalige Mitspieler, die sich im Vergleich zu damals als Persönlichkeit stark verändert haben?

Nein, so etwas gibt es kaum. Eher bin ich manchmal froh darüber, wie wenig sich manche seitdem verändert haben. Hanne Weiner z. B. war ja schon bei Hertha eine ziemlich große Nummer, ist dann mit Bayern München sogar Meister geworden und hat sich auch danach mit seinem Hotel und seinem Lokal toll entwickelt. Trotzdem hat man auch jetzt nie das Gefühl, dass der irgendwie abgehoben ist.

Sie selber sind heute Lehrer. Können Sie etwas mehr darüber erzählen?

Ich bin seit 22 Jahren Lehrer an einer Schöneberger Grundschule in der Nähe des Innsbrucker Platzes und unterrichte dort vorwiegend Deutsch, Mathe und Sport. Neben diesen Fächern leite ich auch eine Fußball-AG und versuche, mit den Schülern wenigstens einmal pro Jahr zum Hertha-Training zu gehen. Für die Kinder ist das natürlich ein Riesenerlebnis, Marcelinho und die anderen Spieler mal aus der Nähe zu sehen und sich deren Autogramme zu holen.

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