06 Michael Sziedat

Foto und Interview: November 2003

Sie sind in Berlin aufgewachsen. War Hertha BSC deshalb von Anfang an das große Ziel?

Ich hatte damals als A-Jugend-Nationalspieler gleichzeitig Angebote von Hertha BSC und Tasmania. Das Angebot von Tasmania habe ich durchaus in Erwägung gezogen, weil ich mir noch nicht so ganz zugetraut habe, in einer so starken Mannschaft wie der von Hertha BSC zu spielen. Der Einstieg in das Profigeschäft wurde mir ja insgesamt sehr leicht gemacht. Als ich bei Reichelt Einzelhandelskaufmann lernte, hatte ich wirklich einen sehr verständnisvollen Chef, der mir regelmäßig bei Spielen der Jugendnationalmannschaft freigegeben hat. Die Entwicklung zum Stammspieler in der Bundesliga kam dann ziemlich schnell. Ich hatte natürlich auch den Vorteil, dass der Patzke und der Wild aufgrund des Bundesliga-Skandals gesperrt wurden. So kam ich gleich in meiner ersten Saison auf 29 Spiele.

Wie haben Sie als junger, unbeteiligter Spieler den Bundesliga-Skandal erlebt, in den auch Hertha BSC verwickelt war?

Man hat als neuer Spieler schon mitbekommen, dass da was im Gange war. Irgendwann ist dann die Bombe geplatzt, mit Verhandlung, Untersuchung, Kontrollausschuss und Herrn Kindermann. Das war eine ziemlich eigenartige Atmosphäre, weil man natürlich schon gemerkt hat, dass einige Spieler ganz schön gezittert haben. Einige der betroffenen Spieler sind ja dann trotz des Skandals noch irgendwo untergekommen, aber gerade für die jungen Spieler wie z. B. Steffenhagen war die Sache schon verheerend.

Macht es Sie ein wenig stolz, dass Sie bis heute der Hertha-Spieler mit den meisten Bundesliga-Einsätzen sind?

Klar ist man da schon etwas stolz drauf. Ich war ja ein ziemlich robuster Spieler und hatte daher auch das Glück, nie schwere Verletzungen gehabt zu haben. Wenn man dann etwa zehn Jahre für einen Verein spielt, kommt man automatisch auf eine hohe Anzahl von Spielen. Auch bei Eintracht Frankfurt habe ich ja noch mal 100 Spiele gemacht. Im Nachhinein muss ich sogar sagen, dass ich damals früher hätte wechseln sollen, aber so ist das eben, wenn man mit einer Stadt so verwachsen war wie ich damals.

Sie haben von 1980 bis 1984 bei Eintracht Frankfurt gespielt. Wie bewerten Sie diese Jahre im Vergleich zu den Jahren bei Hertha BSC?

Auch das war eine Super-Zeit, die Mentalität ist dort ja eine ganz andere. Ich hatte davor auch mal ein Angebot von Bayern München gehabt, weil Dettmar Cramer mich unbedingt holen wollte, aber damals wollten sie mich noch nicht gehen lassen. Ich bin da ganz ehrlich: Wenn ich damals gekonnt hätte, wäre ich weg gewesen. Man will halt auch nicht immer die gleiche Außenlinie hochlaufen. Wie gesagt, in Frankfurt habe ich mich sehr wohlgefühlt; die Stadt hat sich mittlerweile auch ziemlich rausgemacht. Ich war damals auch öfter mal bei dem Körbel zuhause und konnte gut verstehen, dass er dort nie wegwollte. Nur mit Dietrich Weise bin ich dann nicht mehr so zurechtgekommen. Als er dort Trainer wurde, habe ich mir gesagt, dann gehe ich lieber nach Hause. So kam es dann, dass ich noch mal ein Jahr in der 2. Liga bei Hertha gespielt habe.

Dort trafen Sie dann auf Ihren ehemaligen Mitspieler Kliemann als Trainer. Uwe Kliemann meinte, die Zusammenarbeit mit Weiner lief recht gut, mit ihnen dagegen soll es komplizierter gewesen sein. Worüber gab es denn bei Ihnen beiden verschiedene Auffassungen?

Mit Weiner kommt im Prinzip jeder aus, denn er gehörte ja nie zu den Spielern, die groß den Mund aufgemacht hätten. Ich denke, Kliemann hat damals einfach den falschen Ansatz gewählt. Vielleicht war er auch einfach nur zu unerfahren, aber ich hätte mir damals weniger Druck und mehr Kameradschaft gewünscht. Das war halt eine ziemlich eigenartige Situation für mich. Früher hatten wir noch zusammengespielt, und plötzlich kamen dann Ansprachen von ihm wie im Kasernenhof. Er hat es damals aber natürlich auch nicht gerade einfach gehabt. Trotzdem schien es mir besser, trotz eines Zweijahres-Vertrags dann schon nach einem Jahr aufzuhören.

Hat sich der Fußball aus Ihrer Sicht für einen Abwehrspieler seit Ihrer aktiven Zeit entscheidend verändert?

Heute kann man sich als Abwehrspieler wesentlich besser verstecken. Hertha hat im Moment hervorragende Abwehrspieler und kassiert trotzdem Tore am laufenden Band. Was die Übergabe in der Viererkette angeht, hat halt jeder bei einem Gegentor eine Ausrede parat. Früher gab es eine ganz klare Zuordnung. Wenn da der gegnerische Stürmer ein Tor geschossen hat, dann ist der Klötzer verrückt geworden. Da wurde man dann als Abwehrspieler ganz direkt gefragt, wo man denn gewesen ist als das Tor fiel.

Hatten Sie in Ihrer aktiven Zeit auf dem Platz mal eine verbale oder körperliche Auseinandersetzung mit einem Gegenspieler, die Sie diesem Spieler bis heute nachtragen?

Dazu hätten meine Gegenspieler wahrscheinlich eher Grund. Die haben ihre Füße schon ziemlich zusammengeschlagen, wenn sie wussten, dass sie gegen mich spielen. Der Rummenigge zittert heute noch ein wenig, wenn er mich sieht. Vor kurzem habe ich mal bei einem Prominentenspiel in einer Mannschaft mit ihm gespielt, da war er zum ersten Mal zufrieden mit mir.

Mal anders herum gefragt: Gibt es einen Gegenspieler, der Sie in besonders schlechter Erinnerung haben könnte?

Den gibt es wahrscheinlich schon. Man hat sich schließlich damals nicht gerade geschont. Den Briegel habe ich einmal ziemlich rustikal heruntergebracht. Der musste dann sogar vom Platz getragen werden. Ich habe schon vor dem Spiel gemerkt, dass ich keinen guten Tag erwischt hatte, also dachte ich mir: „Mit dem das ganze Spiel, wenn der ständig nur marschiert, das schaffst du nicht. Dem musst du jetzt gleich mal eine geben, damit der weiß, was los ist.“ Also bin ich ihm gleich am Anfang des Spiels von hinten in die Knöchel gerutscht, und damit war das Spiel für ihn beendet. Das kommt halt mal vor, aber ich muss zugeben, das war schon ein ziemlich linkes Ding von mir. Wenn man in der Abwehr spielt, ist ja auch viel Strategie dabei, man muss halt versuchen, sich seinen Gegenspieler irgendwie „zurechtzustellen“. Also sollte man ihn gleich am Anfang des Spiels erwischen, und den Ball am besten gleich mit, denn ansonsten bekommt man schnell mal eine gelbe oder rote Karte.

Ihr ehemaliger Mitspieler Granitza hat kritisiert, dass der Umgang von Hertha BSC mit ehemaligen Spielern nicht unbedingt vorbildlich ist. Sehen Sie das genauso?

Da ist schon etwas dran. Wer als ehemaliger Spieler z. B. mal eine Eintrittskarte für Hertha möchte, muss erst bei der Sekretärin vom Hoeneß einen Antrag stellen. So etwas gibt es bei keinem anderen Verein; bei Schalke würde man bei einer bestimmten Anzahl von Spielen mit dem Chauffeur abgeholt werden. Der Weiner hat ja auch mal bei Bayern München gespielt, und wenn der nach München kommt, dann ruft er bei den Bayern an und bekommt sofort zwei Karten und eine Hotelzimmer-Buchung noch dazu.

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