05 Erich Beer

Foto und Interview: Juni 2004

Nachdem Sie fast die gesamten 70er für Hertha BSC gespielt hatten, stieg der Verein in der Saison 1979-80, also dem ersten Jahr ohne Sie, prompt aus der 1. Liga ab. Haben Sie damals nicht gegrübelt, was gewesen wäre, wenn Sie geblieben wären?

Hertha musste sich ja damals aus finanziellen Gründen von einigen Spielern trennen, und Nigbur, Weiner und ich gehörten eben zu denen, die dem Verein eine Menge einbrachten. Ich habe die Saison dann aus dem Ausland verfolgt und saß beim letzten Spiel sogar noch im Stadion. Ich glaube, wenn ich da geblieben wäre, dann wäre Hertha nicht abgestiegen, denn das eine oder andere Tor mehr wäre mir in der Saison bestimmt gelungen.

Stimmt es, dass Sie nach dem Wiederaufstieg für die Saison 1982-83 gerne noch einmal zu Hertha zurückgekehrt wären?

Das stimmt, und die Verhandlungen waren sogar ziemlich konkret. Ich sagte damals zu Wolfgang Holst, dass ich mit einem geringen Festgehalt einverstanden wäre und ansonsten nach Spielen bezahlt werden könnte. Holst meinte dann, er schlägt das gerne dem Vorstand vor und ruft mich dann zurück. Auf diesen Anruf warte ich heute noch. Ich war wegen dieser Sache nicht nur enttäuscht, sondern auch so sauer, dass ich dann auch als Mitglied bei Hertha BSC gekündigt habe.

Für Sie wäre eine Rückkehr doch aber auch ein gewisses Risiko gewesen, immerhin hätten Sie als Spieler bei Hertha BSC einen hervorragenden Ruf zu verteidigen gehabt.

Wenn man den Fußball wirklich liebt, dann denkt man nicht in solchen Kategorien, dann will man einfach nur spielen. Und ich denke, selbst wenn ich nicht immer 90 Minuten gespielt hätte, hätte ich der Mannschaft durch meinen Ehrgeiz und meinen Charakter dennoch viel geben können.

Sie waren ja innerhalb der Mannschaft sehr angesehen und auch jahrelang Kapitän. Hatten Sie in dieser Eigenschaft auch mal kritische Situationen mit Mannschaftskollegen zu meistern?

Ja, da gab es schon ein paar Sachen. Mit dem Luggi Müller habe ich mich einmal sehr gestritten, weil er Dinge an den Vorstand weitergegeben hat, die wir mannschaftsintern besprochen hatten. Auch bei einem kleinen Kampf zwischen Horr und Werthmüller musste ich mal schlichten. Und dann hatte ich auch mal ein sehr langes Gespräch mit Norbert Nigbur, der die Prämie für das Spiel gegen Roter Stern Belgrad nicht mit der ganzen Mannschaft, sondern nur mit den Spielern teilen wollte, die auch tatsächlich gespielt hatten. Dieses Gespräch war allerdings vollkommen zwecklos, Nigbur blieb absolut stur. Das war eben auch sonst so jemand, der nie mal einen ausgegeben oder etwas aus eigener Tasche bezahlt hat. Meine Frau war ja damals mit Nigburs Frau befreundet, da hat man schon so einiges mitbekommen. So hat er z. B. ziemlich großen Wert auf getrennte Haushaltskassen gelegt. Damals wollte sich meine Frau mal mit der Frau vom Nigbur zum Tennis treffen, aber Nigburs Frau konnte nicht kommen, weil sie von Norbert kein Geld dafür bekam.

Wer war denn für Sie der wichtigste Mitspieler auf dem Platz? Sozusagen Ihr Herbert Wimmer, der Ihnen den Rücken freigehalten hat.

Der wichtigste Mann auf dem Platz war für mich Lorenz Horr. Der hat mir zwar nicht den Rücken freigehalten, aber mindestens die Hälfte meiner Tore vorbereitet. Mit dem hatte ich ein blindes Verständnis beim Doppelpass. Als er dann verabschiedet werden sollte, habe ich vorher mindestens eine Dreiviertelstunde versucht, ihn noch mal umzustimmen, damit er vielleicht doch noch ein weiteres Jahr dranhängt. Ansonsten waren zweifellos auch Holger Brück und Wolfgang Sidka sehr wichtig für mich.

Wie war für Sie die Umstellung von Hertha BSC zur Nationalmannschaft? Dort waren Sie ja erst einmal nur einer von vielen herausragenden Fußballern.

Das war am Anfang schon etwas schwierig, denn zu meiner Zeit gab es ja zwei große Blöcke; zum einen die Spieler vom FC Bayern und zum anderen die von Borussia Mönchengladbach. Ich war dann eher bei den Münchnern integriert, mein Zimmer habe ich mir allerdings mit Bernd Hölzenbein geteilt.

Was konnten Sie denn in der Nationalmannschaft so an persönlichen Eitelkeiten oder auch Machtverhältnissen beobachten?

Also wenn der Netzer mit seinem Ferrari ankam, dann hat das auf einige durchaus einen gewissen Eindruck gemacht. Man konnte schon deutlich sehen, dass Spieler wie Bonhof oder Vogts vor dem ziemlich gekuscht haben. Da drüber gab es nur noch den Beckenbauer. Wenn der etwas gesagt hat, dann galt das. Da haben sich dann nicht einmal Spieler wie Breitner oder Netzer getraut, dem zu widersprechen.

War Sepp Maier tatsächlich ein so lustiger Typ oder war das eher ein Image für die Öffentlichkeit?

Nein, der war wirklich so. Wenn man mit dem an einem Tisch saß, dann musste man erst einmal prüfen, ob er den Verschluss des Salzstreuers gelockert hatte, sonst konnte es schnell passieren, dass man beim Salzen plötzlich den gesamten Inhalt des Streuers auf seinem Teller hatte.

Damals hieß es, dass die Spieler sehr gern zur Nationalmannschaft gereist sind, was wohl auch mit der Person von Trainer Helmut Schön zusammenhing.

Das stimmt. Helmut Schön war zwar manchmal auch streng, aber insgesamt absolut der Vatertyp. Zu dem konnte man mit allem kommen. Man wusste lustigerweise schon an der Art und Weise, wie er einen begrüßte, ob man zur Startelf gehörte. Wenn er einem nur die Hand schüttelte, war man nicht dabei, ein Handschlag und ein Klaps auf die Schulter bedeutete dagegen, dass man spielte.

Wie hat Helmut Schön denn bei der WM 1978 die legendäre 2:3 Niederlage gegen Österreich verkraftet?

Da war er so geknickt, dass man ihm wirklich gerne hätte helfen wollen. Der ist nach dem Spiel wirklich extrem gealtert. Ich glaube, er hat damals die ganze Nacht nicht schlafen können.

Gab es nach dem Spiel irgendwelche Spieler, die ausgerastet sind?

Wenn, dann hätte da nur vom Abramczik etwas kommen können, weil er eben der Typ für so etwas war. Konkret erinnern kann ich mich aber auch bei ihm nicht mehr.

Wie haben Sie denn die Atmosphäre vor der WM 1978 erlebt, als die Mannschaft mit Udo Jürgens einige Songs aufgenommen hat?

Also ich fand das fantastisch. Ich singe ja sowieso sehr gerne und war auch im Mannschaftsbus meistens der Erste, der damit angefangen hat. Ich glaube, die meisten waren begeistert, bei diesen Aufnahmen dabei gewesen zu sein, auch wenn einige wie z. B. der Schwarzenbeck das vielleicht nicht so zeigen konnten.

Durch die Veröffentlichung von Toni Schumachers Buch „Anpfiff“ kam ja Mitte der 80er die Doping-Diskussion auf. Haben Sie in Bezug auf Doping eigentlich während Ihrer aktiven Karriere irgendetwas mitbekommen?

Damals habe ich davon immer nur aus Büchern oder Zeitungen etwas erfahren. Was die eigene Mannschaft angeht, muss ich im Nachhinein sagen, dass ich es nicht genau weiß, hundertprozentig ausschließen kann man das wahrscheinlich nicht. Wenn wir am Samstag ein Spiel gehabt haben, dann gab es am Freitagabend halt schon eine dieser Vitaminspritzen. Was da drin war, wusste eben nur der Arzt, auf den sich logischerweise auch alle Spieler verlassen haben. Die ersten richtigen Kontrollen gab es ja erst ab 1978. Erst da wussten die Ärzte anhand der offiziellen Listen, was sie spritzen durften und was nicht.

Wie ist das denn heutzutage, wenn die Fans Sie erkennen; werden Sie da eigentlich sofort geduzt?

Ja, und das ist auch richtig so. Ich finde, unter Sportlern sollte man sich schon duzen. Wenn ich mal in Berlin bin und die Leute rufen „Ete“, dann freue ich mich darüber, das muss ich ehrlich sagen. Ich bekomme ja auch nach wie vor viel Fanpost, deshalb habe ich auch gerade wieder Autogrammkarten von Hertha BSC und der Nationalmannschaft nachdrucken lassen. Was ich heute außerdem sehr genieße, ist, dass ich an Spieltagen in der S-Bahn in Berlin oder München mal aus erster Hand hören kann, was die Leute so über die Spieler denken. Das habe ich als Aktiver ja nie wirklich mitbekommen.

Als Michael Preetz Sie vor ca. einem Jahr als Rekordtorschütze überholt hat, haben Sie offiziell sofort gratuliert. Trotzdem vermute ich mal, dass Sie diesen Titel nur ungern abgegeben haben.

Klar, wenn ich ganz ehrlich bin, dann hätte ich den Rekord natürlich gerne behalten. Sat 1 wollte damals übrigens eine ziemlich große Sache daraus machen. Über vier bis sechs Wochen riefen die mich ständig an, dass ich ins Stadion kommen soll, damit sie mich in dem Moment filmen können, in dem mich der Preetz überholt. Das war mir dann aber doch ein wenig zu albern. Im Endeffekt war ich dann schon fast froh, als ich als Rekordschütze überholt wurde, weil dann natürlich auch der ganze Rummel wieder vorbei war. Und immerhin bleibt mir ja im direkten Vergleich auch der Trost, dass ich meine vielen Tore nicht als Stürmer sondern als Mittelfeldspieler erzielt habe.