04 Jürgen Rumor

Foto und Interview: März 2006

Ihre eigene Karriere begann zeitgleich mit dem Beginn der Bundesliga 1963. Wie einschneidend war dieser Lebensabschnitt?

Fußball war damals einfach mein Leben, ich habe in Köln ja bereits diverse Jugendauswahl-Mannschaften durchlaufen, später dann auch die bundesweite Auswahl. Dadurch kannte ich schon damals Leute wie Netzer, Heynckes und Wimmer. Wer als 18-Jähriger in der Jugendauswahl spielte, bekam ja fast automatisch auch einen Vertrag. Die Einführung der Bundesliga war natürlich eine schöne Sache für mich, denn als Lizenzspieler verdiente ich plötzlich 2.500 bis 3.000 Mark im Monat. Leider bin ich dann aber in der ersten Saison noch nicht zum Einsatz gekommen.

Haben Sie sich trotzdem als deutscher Meister gefühlt?

Eigentlich nicht. Ich war auch etwas enttäuscht darüber, dass ich einer der wenigen Spieler war, die kein Spiel bestreiten konnten.

Sie haben ja damals mit Leuten wie Friedrich und Overath zusammengespielt. Waren das schon so früh auch Führungspersönlichkeiten?

Overath auf jeden Fall, der wurde ja bereits in seinem ersten Jahr zum Nationalspieler. Dass Friedrich auch nach seiner aktiven Karriere noch so aktiv im Fußballgeschäft bleiben würde, hätte ich dagegen nicht vorhergesehen. Er war zwar einerseits sehr engagiert und hatte sich bereits sehr früh auch selbstständig gemacht, andererseits gehörte er aber auch zu den eher ruhigen Vertretern.

Beim 1. FC Kaiserlautern haben Sie später mit Otto Rehhagel zusammengespielt, der damals als ziemlich rustikaler Spieler galt.

Das stimmt. Wir anderen Spieler haben ihn eigentlich immer als Antifußballer bezeichnet. Aber das hat er ja umso mehr mit Herz und Einsatz wettgemacht, da wurde ja wirklich kein Knöchel geschont. Bei ihm gab es im Prinzip auch gar nichts anderes als Fußball. Selbst wenn wir mit Otto mal im Café saßen, wollte er meistens nur über solche Dinge wie Taktik reden.

Manche behaupten, der damalige Bundesligaskandal sei nur die Spitze des Eisberges gewesen, es hätte darüber hinaus auch viel gegeben, was nie heraus kam.

Bevor ich damals von Neumann angesprochen wurde, hatte ich tatsächlich noch nie von solchen Dingen gehört. Die Tatsache, dass er sich gerade an mich wandte, hatte auch vor allem damit zu tun, dass wir uns noch aus Kaiserslautern kannten. Als er mir dann erzählte, wer schon mit welchen Koffern wohin unterwegs war, da war ich schon etwas erstaunt.

Wie muss man sich so eine Kontaktaufnahme eigentlich genau vorstellen?

Erst einmal rief mich Neumann aus Bielefeld an und fragte mich, ob man sich nicht mal treffen könne, am Telefon wolle er darüber nicht sprechen. Bei unserem Treffen weihte er mich dann endlich ein, worum es ging. Er erzählte mir, wo Offenbach bereits bestochen hätte, dass auch Schalke mit drinhängt, und ob ich nicht die Spieler von Hertha BSC ansprechen könne. Es ginge um 250.000 Mark, die für dieses „Unterfangen“ bereitgestellt werden könnten. Auch Kronsbein und Holst hätten angeblich mit Pieper zusammengesessen, und man zeigte mir sogar eine Quittung mit Kronsbeins Unterschrift, die ich natürlich kannte. Als ich das der Mannschaft erzählte, erwähnten Patzke und Wild praktisch zeitgleich die Offerte von Offenbach, die 10.000 Mark pro Spieler zahlen wollten wenn wir Bielefeld schlagen. Das wurde dann im Mannschaftskreis heiß diskutiert. Wir sind natürlich davon ausgegangen, dass wir dieses Spiel gewinnen, wodurch wir sowohl eine Prämie von Hertha BSC als auch das Geld von Offenbach bekommen hätten. Unterm Strich hätten wir einen ähnlich hohen Betrag heraus bekommen wie bei einer Niederlage, insofern war für uns klar, dass wir auf Sieg spielen würden. Bei einem zweiten Treffen mit Neumann wurde ich dann jedoch mit der Aussage konfrontiert, dass Gergely und Varga von den Bielefeldern bereits Geld bekommen hätten. Als ich das Spiel dann von der Tribüne aus verfolgte, war auch klar zu sehen, dass von den beiden wenig Engagement kam.

Nach dem Spiel, das zumindest vom größten Teil der Mannschaft unfreiwillig verloren wurde, sollen Sie dann in der Kabine gesagt haben, dass man sich jetzt doch eigentlich das Geld von den Bielefeldern abholen könne.

Genau. Nachdem die Mannschaft ja auf Sieg spielte, waren natürlich alle etwas geknickt, dass man nun plötzlich gar keine Prämie in der Hand hatte. Ich erwähnte dann, dass die 250.000 Mark von Bielefeld doch eigentlich nach wie vor zur Abholung bereit lägen. Schließlich hatte ich den Bielefeldern ja vor dem Spiel weder zu- noch abgesagt. So rief ich also Neumann nach dem Spiel an und fand schnell heraus, dass er tatsächlich annahm, wir hätten das Spiel absichtlich verloren. Daraufhin schickte ich ihm dann einen Mittelsmann, der das Geld für uns abholte.

Der ganze Skandal hatte ja nicht nur unmittelbare Folgen für Ihre eigene Karriere, sondern auch für die Ihrer Mitspieler. Das war vermutlich nicht sehr leicht, mit so etwas umzugehen.

Natürlich, ich hatte schon ganz schön an der Sache zu knabbern. Als es damals rauskam, habe ich ja zuerst auch noch versucht, mich vor die Mannschaft zu stellen, und behauptet, ich hätte das Geld alleine genommen. Natürlich hatte ich deswegen auch Schuldgefühle, auch wenn letztlich jeder Spieler selbst die Entscheidung getroffen hat, das Geld zu nehmen. Ich kann mich auch noch daran erinnern, dass Michael Kellner mir damals große Vorwürfe gemacht hat, dass seine eigene Karriere anders verlaufen wäre, wenn ich nicht das Geld auf den Tisch gelegt hätte. Schade war es natürlich auch um die damalige Mannschaft, die ja wirklich intakt war. Mit ein paar Verstärkungen hätte man in den 70ern vielleicht durchaus eine ähnliche Rolle spielen können wie der FC Bayern oder Borussia Mönchengladbach.

Blieb der Kontakt mit den anderen Spielern eigentlich zunächst bestehen?

Vielleicht noch für ein halbes Jahr, danach hat man sich doch relativ schnell aus den Augen verloren. Bevor alles rauskam, spielten wir ja zunächst auch noch weiter. Jeder hatte da eigentlich genug mit sich selbst zu tun, und irgendwann war es dann eben soweit, dass man Farbe bekennen musste wenn man nicht so wie die Schalker einen Meineid ablegen wollte. Als die Sperre dann später reduziert wurde, waren viele ja bereits in Südafrika. Im eigenen Land noch einmal Fuß zu fassen, war dagegen sehr schwer, weil man natürlich diesen Makel des Bundesliga-Skandals nicht so einfach loswerden konnte. Ich selbst habe zwar auch noch einmal bei Tennis Borussia gespielt, aber zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich bereits auch mit zwei chemischen Reinigungen selbstständig gemacht. Schließlich musste ich auch meine Familie über die Runden bringen, und im Fußballbereich ist ja von einem Tag auf den nächsten die ganze finanzielle Grundlage weg gewesen.

Im Gegensatz zu fast allen anderen damaligen Spielern sind Sie Berlin bis heute treu geblieben.

Auch das hatte mit meiner Selbstständigkeit zu tun. Die erste chemische Reinigung hatte ich ja bereits zu meiner aktiven Zeit bei Hertha im Märkischen Viertel aufgemacht, ungefähr zwei Monate vor dem Bundesliga-Skandal. Die zweite folgte dann bereits im selben Jahr, weil ich natürlich merkte, dass ich dieses Standbein jetzt einfach brauchte. Abgesehen davon habe ich mich in Berlin aber auch einfach sehr wohl gefühlt. Köln dagegen schien mir immer etwas provinziell, auch wenn die rheinische Art natürlich auch etwas für sich hat.

Hat man es als fröhlicher Rheinländer im manchmal etwas ruppigen Berlin nicht etwas schwer?

Im Gegenteil, genau deshalb kommt man als Rheinländer hier ja relativ gut an. Ich hatte ein ziemlich großes Umfeld, dazu gehörten auch einige Hertha-Spieler, die vor meiner Zeit bei Hertha aktiv waren. Der Kontakt zu Tennis Borussia ergab sich damals auch dadurch, dass Trainer Gawliczek bei Helmut Faeder anfragte, ob ich nicht Lust hätte, wieder aktiv zu werden.

Wie wichtig war es für Sie persönlich, noch einmal in der Bundesliga zu spielen?

Dass ich noch einmal den Anschluss geschafft hatte, hat mir schon etwas bedeutet. Leider konnte ich durch eine Verletzung aber zunächst nicht so eingreifen wie ich mir das vorgestellt hatte. Erst in der Rückrunde war ich dann regelmäßig dabei, sogar als Spielführer, aber da war der Verein praktisch schon abgestiegen.

Heute arbeiten Sie in einer Spielbank am Potsdamer Platz. Das hört sich ja erst einmal ziemlich spannend an.

Viele Leute machen sich da etwas falsche Vorstellungen. Besonders aufregend ist es in der Regel eigentlich nicht, für mich ist das ein ganz normaler Job. Anfang der 90er gab es aber tatsächlich mal einen Tag, an dem zwei Leute um 1,2 Millionen Mark gespielt haben. Und man bekommt natürlich auch mit, dass so mancher einfach nicht aufhören kann. Wer einmal gewonnen hat, denkt oft, dass das jetzt so weitergehen müsse. Natürlich ist aber in der Regel das Gegenteil der Fall, ansonsten könnte so eine Spielbank ja auch gar nicht existieren.

Abschließend noch eine letzte Frage zum Bundesliga-Skandal. So komisch es auch klingen mag, aber verleiht eine so zweifelhafte Vergangenheit einem Verein nicht auch einen gewissen Glamour, weil sie ihn irgendwie interessant macht?

Zumindest scheint es so, dass man sich an die Geschichte eines Vereins manchmal vielleicht besser erinnern kann, wenn es auch solche Kapitel gibt. Dennoch hätte ich persönlich gerne auf diesen Skandal verzichtet, ich kann auch nach all den Jahren nichts Positives daran entdecken. Was vor allem auch daran liegt, dass nach wie vor oft behauptet wird, wir hätten dieses Spiel verschoben. Doch wir haben nun einmal nicht absichtlich verloren, das ist und bleibt eine Tatsache.

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