03 Arno Steffenhagen

Foto und Interview: Dezember 2006

Ihre ersten Spiele für Hertha BSC haben Sie 1968 als Achtzehnjähriger gemacht. Kamen diese Einsätze für Ihre Entwicklung eher zu früh oder gerade zum richtigen Zeitpunkt?

Bei meinem ersten Spiel kam ich gegen Eintracht Frankfurt ja erst zur zweiten Halbzeit. Probleme hatte ich damit nicht, ich denke, ich war in dem Alter auch physisch schon recht weit. Natürlich gehörte auch Glück dazu. Durch eine Verletzung von Jürgen Weber kam ich ja zunächst bei einem Freundschaftsspiel zum Einsatz, und bei meinem Sturmpartner und Zimmernachbarn Franz Brungs war auch sofort eine gewisse Begeisterung da. Der sagte auch ganz offen, dass er jemanden wie mich braucht, der ihm die Vorlagen gibt. Trainer Kronsbein hat ihn zunächst noch ausgebremst und gesagt, wir nehmen den Steffenhagen zwar mit nach Frankfurt, aber spielen wird er nicht. Doch dann ging es in der zweiten Halbzeit für mich los.

Stimmt die Geschichte, dass Kronsbein Probleme mit Ihren langen Haaren hatte?

Na ja, Fiffi hat sich bei mir gerne mal etwas ausgetobt. Wahrscheinlich dachte er, dass er da den geringsten Widerstand zu erwarten hat, weil ich der Jüngste war. Als wir mal in Bremen waren, meinte er zu mir „Steffenhagen, jetzt habe ich genug, jetzt fahren wir zum Friseur“. Also hat er mich in einen kleinen Bus gesetzt und dann sind wir tatsächlich in ein kleines Dorf außerhalb Bremens zum Friseur gefahren. Als junger Spieler musste man schon so einiges durchmachen. Auch mal beim Training die Bälle der älteren Spieler holen, aber das hat mir nichts ausgemacht. Insgesamt hatte ich das Gefühl, dass ich ziemlich schnell von der Mannschaft akzeptiert wurde.

Stichwort Bundesliga-Skandal: Wie war das genau, als Volkmar Groß Sie anrief, um mitzuteilen, dass Sie sich Ihren Anteil abholen können?

Wir hatten uns ja vor dem Spiel gegen Bielefeld dagegen entschieden, dieses Spiel absichtlich zu verlieren. Bekanntlich haben wir dann trotzdem verloren, und irgendwann an dem Tag rief mich Volkmar an. Der wollte mir am Telefon auch gar nichts weiter erklären, sondern sagte nur, ich solle mal bei ihm vorbei kommen. Da fing ich natürlich gleich an, etwas zu ahnen. Als ich dann bei ihm in der Wohnung war, habe ich dann nachgefragt, und meinte: „Wir wollten doch nichts machen.“ Volkmar wollte da aber nicht weiter darüber reden und sagte nur: „Nimm’s einfach.“

Hatten Sie das Gefühl, dass sich da Ihr ganzes Leben ändern sollte?

Keine Ahnung, ich war mir ja keiner Schuld bewusst, weil ich das Spiel ja nicht absichtlich verloren hatte. Außerdem gab es ja auch bei anderen, früheren Spielen damals Gerüchte, das hat man besonders in Gesprächen mit älteren Spielern heraushören können. Ich kann mich erinnern, dass ich mal ein Tor gegen 1860 München gemacht habe, doch Franz Brungs meinte dazu nur: „Hast du nicht gesehen, der Radenkovic ist doch genau in die andere Ecke gesprungen.“ Da wurde schon der eine oder andere Witz drüber gemacht. Was meine eigene Karriere anging, hatte ich ja zu dem Zeitpunkt gerade mein erstes Länderspiel gemacht und auch der Wechsel zum HSV stand bereits 1972 fest, der Vertrag war bereits unterschrieben. Ich hatte auch gehofft, dass der HSV oder vielleicht sogar Bundestrainer Helmut Schön einen Weg finden, dass ich vielleicht begnadigt werden könnte. Als das dann nicht klappte, ging ich nach Südafrika.

Die Wahrheit über den Bundesliga-Skandal kam ja erst so nach und nach heraus. Gab es Spieler, die während der Saison damit nicht umgehen konnten, und auch auf dem Platz gehemmt wirkten?

Ich denke nicht. Wir haben ja in der Saison sogar in Kaiserslautern gewonnen, wo man damals eigentlich gar nicht gewinnen konnte. Als Profis haben wir halt einfach weitergespielt. Man dachte sich damals auch, was soll schon groß passieren? Notfalls gibt man das Geld eben wieder zurück.

War es eine große Belastung für Sie, danach in Südafrika zu spielen?

Zuerst konnte ich mir gar nicht vorstellen, dass da überhaupt Fußball gespielt wird. Letztendlich habe ich das in erster Linie als Aufgabe gesehen, mir ging es nur um den Fußball, ich habe einfach nur gesehen, wo ich überhaupt trotz meiner Sperre noch spielen kann. Erst war mir der Gedanke an Südafrika schon ein wenig unheimlich, aber letztlich hat die Abenteuerlust überwogen.

Ende der 70er sind Sie dann doch noch zum Hamburger SV gekommen und haben sogar den Europapokal der Pokalsieger gewonnen. Warum verlief Ihr zweites Jahr beim HSV dann weniger erfolgreich?

Das hatte wohl damit zu tun, dass damals viel über Kevin Keegan ging, der hat halt unheimlich die Bälle an sich gezogen. Ich kann mich an ein Spiel erinnern, da hatte ich nach zehn Minuten noch keinen einzigen Ball berührt. Irgendwann saß ich dann ganz auf der Bank. An den Ligakonkurrenten Borussia Dortmund wollte mich Manager Netzer jedoch nicht verkaufen, stattdessen erzählte er mir etwas von irgendwelchen Beziehungen, die er nach Belgien hat.

Sie gingen dann zu den Chicago Stings. Wie kam es, dass Sie auch nach Ihrer aktiven Laufbahn in den USA geblieben sind?

Mir hat es dort einfach gut gefallen, und ich hatte natürlich in den Jahren auch neue Freunde gefunden. Ich habe zwar auch mal überlegt, zurückzukehren, aber für das, was ich im Leben machen wollte, hat mir Amerika einfach mehr geboten. Gerade wenn man mal jagen oder mit dem Boot herausfahren möchte, findet man dort eine ganz andere Natur vor.

Wie lief der berufliche Übergang für Sie?

Nach dem Profifußball hatte ich zunächst eine Bar, eine Tankstelle und auch mehrere Grundstücke. Heute bin ich selbstständig und habe einen kleinen Baubetrieb.

Nehmen Sie das politische Klima in den USA anders wahr als Ihre amerikanischen Freunde?

Mit Sicherheit. Das merke ich schon deutlich, wenn ich mit meinen amerikanischen Freunden spreche. Die sind natürlich schon ziemlich patriotisch und wollen ihrer eigenen Regierung nur ungern in den Rücken fallen. Es setzt sich erst so nach und nach bei denen die Erkenntnis durch, dass so manche politische Entscheidung in der Vergangenheit vielleicht doch nicht so richtig war.

Verfolgen Sie in den USA die aktuellen Spiele von Hertha BSC?

Ja, ich habe da einen Fernsehsender, der bringt regelmäßig zwei Spiele aus der Bundesliga, und da ist dann manchmal auch Hertha BSC mit dabei. Kontakt zu ehemaligen Spielern habe ich mittlerweile aber nur noch zu Hanne Weiner. Vielleicht sollte Hertha BSC mal ein Treffen der Ehemaligen organisieren, so schlecht waren wir schließlich auch nicht.

Advertisements