02 Tasso Wild

Foto und Interview: März 2005

Sie sind im Jahr 1967 zu Hertha BSC gekommen. Stimmt es, dass diesem Wechsel ein Streit mit Ihrem damaligen Nürnberger Trainer Max Merkel vorausging?

Das ist richtig. Ich habe mir damals in meinem letzten Spiel für Nürnberg einen Muskelfaserriss zugezogen, und als ich nach meiner Verletzung wieder zur Mannschaft stieß, wurde das erst einmal gefeiert. Natürlich wurden da auch ein paar Gläser Sekt getrunken und es ist dann etwas spät geworden. Ich hätte mir dann mit dem Aufbautraining gern etwas mehr Zeit gelassen, aber Merkel gab mir zu verstehen, dass er mich unbedingt braucht, und so kam es, dass ich im Abschlusstraining vor dem Spiel schon wieder einen Muskelfaserriss hatte. Daraufhin war Merkel dann so sauer, dass er meinte, ich könne scheinbar nur feiern und mich nicht auf den Fußball konzentrieren. Das war allerdings auch nicht die einzige Unstimmigkeit, die ich mit ihm hatte. Einmal wollte er mich zum Beispiel auch zum Kapitän bestimmen, aber davon hielt ich überhaupt nichts, weil ich der Meinung war, dass der Kapitän von der Mannschaft gewählt werden sollte.

Ihre Zeit bei Hertha fing an, als der Verein in der Regionalliga spielte, und Sie noch nicht wussten konnten, dass der Aufstieg in die Bundesliga klappt. War das Risiko im Nachhinein betrachtet nicht etwas groß?

Vielleicht, aber das bin ich eingegangen, trotz anderer Angebote aus Hamburg, Kaiserslautern und Frankfurt. Ich kannte die Stadt ja schon durch die Spiele um die deutsche Meisterschaft, und es hat mir bereits damals sehr gut in Berlin gefallen. Da ich auch mit den Menschen in Berlin immer sehr gut zurechtkam, dachte ich mir, das wär’s doch. Als ich dann wusste, wer außer mir noch zu Hertha wechselt, war mir klar, dass aus dieser Mannschaft etwas Großes werden konnte.

Nach dem Aufstieg wurde die Mannschaft 1968 im Rathaus Schöneberg empfangen, immerhin dort, wo Kennedy wenige Jahre zuvor seine berühmte Rede gehalten hat.

An Kennedy habe ich damals eigentlich kaum gedacht, dazu war das ganze Drumherum einfach zu überwältigend. Vom Autokorso angefangen bis zum Empfang beim Bürgermeister – die Euphorie an diesem Tag war einfach unvorstellbar.

Zu Ihrer Zeit wechselten Spieler ja noch nicht so häufig den Verein wie heute. War der Wechsel zu Hertha BSC für Sie auch ein kleines Abenteuer?

Das geschah eher aus der Situation heraus, mir blieb ja kaum etwas anders übrig, als zu wechseln. Berlin empfand ich damals natürlich schon als etwas offener und freier, aber auch hektischer als Nürnberg. Ich hatte halt nur so meine Schwierigkeiten mit der Mauer. Wenn man wie ich damals im Wedding gewohnt hat, dann sah man die ja praktisch täglich. Das fand ich furchtbar, und deshalb hatte ich am Anfang auch einige Umstellungsschwierigkeiten; die Stadt kam mir oft vor wie ein riesiges Gefängnis. Manchmal bin ich dann auch mal für ein paar Tage in meine Heimat gefahren, einfach, weil ich das Gefühl hatte, mich befreien zu müssen.

Vertreten Sie eigentlich auch die Ansicht, dass die Mannschaft von 1971 zusammen mit dem Neuzugang Erich Beer Deutscher Meister hätte werden können, wenn nicht der Bundesliga-Skandal dazwischen gekommen wäre?

Das hätten wir sogar spielend geschafft, denn wir waren spielerisch einfach die beste Mannschaft der Liga. Selbst die Bayern bekamen damals Angst, wenn über Hertha BSC geredet wurde. Unser Fußball war so attraktiv, dass wir sogar auswärts ein Zuschauermagnet wurden, einfach, weil die Leute Hertha BSC spielen sehen wollten. Die Begeisterung in der Stadt war damals enorm, plötzlich waren sogar bekannte Schauspieler Fans des Vereins und haben sich für Hertha BSC engagiert. In dem Zusammenhang kann ich mich insbesondere an OE Hasse und Harald Juhnke erinnern, mit denen wir damals auch öfter mal fortgegangen sind.

Einige meinen auch, Volkmar Groß sei damals besser als Sepp Maier gewesen.

Die beiden möchte ich eigentlich nicht vergleichen, aber zumindest war Volkmar damals zusammen mit Sepp Maier das größte Torwarttalent der Liga, der hatte einfach alles. Volkmar war ja nicht nur auf der Linie phänomenal, sondern beherrschte tatsächlich den gesamten 16er. So etwas sieht man ja heutzutage eigentlich kaum noch.

Was war der beste Rat, den Sie je von einem Trainer oder einem Spieler bekommen haben?

Den habe ich in meiner Zeit beim 1. FC Nürnberg vom damaligen Gladbacher Luggi Müller bekommen. Borussia Mönchengladbach hat ja damals mit einem enormen Tempo gespielt, und da haben sich viele gefragt, wie sie das machen. Gerade in Nürnberg hat die Mannschaft unter Trainer Csaknady ja fast bis zur Bewusstlosigkeit trainiert, da war selbst Max Merkel ein Waisenknabe dagegen. Manchmal taten mir danach die Muskeln so weh, dass ich kaum schlafen konnte. Offenbar sollte dieses Training zum Ziel haben, dass die Mannschaft spritziger wird, aber tatsächlich wurden die Spieler immer müder und schlechter. Wir haben schlicht und einfach zu hart trainiert. Das hat mir dann auch Luggi Müller bestätigt, als er mir erzählte, dass bei den Gladbachern viel mehr mit dem Ball und nicht ständig nur auf Kondition trainiert wird. In Berlin habe ich mir das dann zu Herzen genommen, und dem Trainer vorgeschlagen, etwas weniger zu trainieren. Darauf meinte Kronsbein dann, das sei in Ordnung, allerdings werde er mich genau beobachten. In den kommenden Spielen hat sich dann bereits gezeigt, dass ich plötzlich wirklich viel mehr Kraft hatte.

Und was war die größte menschliche Enttäuschung in Ihrer Profi-Karriere?

Die gab es in Zusammenhang mit dem Bundesliga-Skandal. Da habe ich mitbekommen, dass einige meiner damaligen Freunde hintenrum über mich geredet haben. Das hat mir schon weh getan, weil ich davon ausgegangen war, dass mich diese Leute eigentlich hätten verteidigen müssen. Ich rede jetzt aber nicht von meinen Mitspielern, denn innerhalb der Mannschaft haben wir zusammengehalten. Diese Leute kamen eher aus dem privaten Umfeld. Das waren zweifellos Enttäuschungen, die man erst einmal verkraften musste.

Bei dem Bundesliga-Skandal hat die Mannschaft ja für ein ungewollt verlorenes Spiel gegen Arminia Bielefeld Geld angenommen. Damals wurde behauptet, dass Sie und Bernd Patzke darüber hinaus schon vor dem Spiel eine Vereinbarung getroffen hatten, was von Ihnen aber nie bestätigt wurde.

Das gilt auch heute noch, denn ich habe an diesem Tag definitiv nicht auf Niederlage gespielt. Wenn ich damals jünger gewesen wäre, hätte ich den DFB für diese Behauptung verklagt, aber für mich war der Fußball dann eben mit Anfang 30 beendet. Ich stehe allerdings dazu, dass ich eine erhöhte Siegprämie angenommen hätte. Ich gehe schließlich auf den Platz, um zu gewinnen, wenn dann etwas mehr Geld dafür fließt, hätte ich nichts dagegen gehabt. Geändert hätte das aber eh nichts. Die Leute meinen oft, wenn man eine höhere Siegprämie bekommt, würde man plötzlich schneller laufen, aber das ist Quatsch. Die Motivation ist auch so schon groß genug. Es würde auch jetzt nichts helfen, wenn man den Rostockern plötzlich 100.000 Euro Siegprämie zahlt, die steigen trotzdem ab.

Wie haben Sie denn die Vernehmungen und den DFB-Chefankläger Kindermann in Erinnerung?

Der Kindermann war schon sehr giftig, das war eine richtig harte Zeit für mich, die ich meinem ärgsten Feind nicht wünschen möchte. Am Anfang wurden ja nur so fünf oder sechs Spieler befragt, und da hat man natürlich dicht gehalten, um die Kameraden nicht mit reinzureiten. Andererseits konnte man den Kindermann natürlich auch verstehen, denn die ganze Sache war ja furchtbar für die ganze Bundesliga. Das Wichtigste für mich war immer das Wissen, dass ich nicht auf Niederlage gespielt habe. Deshalb war ich mit mir absolut im Reinen und konnte auch gut schlafen. Nur damals nach dem Spiel ist die ganze Sache so blöd gelaufen, das kann man sich heute kaum mehr vorstellen. Als wir ganz demokratisch abgestimmt haben, ob wir das Geld nehmen sollen, gehörte der Bernd Patzke ja sogar zu denen, die mit ‚nein’ gestimmt haben. Mein Fehler war dann, dass ich mir gesagt habe, wenn die Mehrheit so blöd ist, das Geld zu nehmen, dann nehme ich es eben auch.

Wussten Sie eigentlich sofort nach dem Skandal, was Sie als Nächstes tun sollen oder war das erst einmal ein Gefühl, als hätte man Ihnen den Boden unter den Füßen weggezogen?

Ich hatte damals zunächst ein Angebot aus Südafrika, aber für mich war der Schock durch den Bundesliga-Skandal so groß, dass ich mit dem Fußball erst einmal abschließen wollte. Beinah wäre ich auch in Berlin ins Immobiliengeschäft eingestiegen, aber mit dem Makel, den ich damals hatte, wäre das wahrscheinlich keine so gute Idee gewesen. Ich bin deshalb wieder nach Nürnberg gegangen, und dort habe ich dann fast zwölf Jahre für eine Bank gearbeitet. Später habe ich dann zusammen mit meinem Bruder die Bäckerei unseres Vaters geführt, wobei er für die Produktion verantwortlich war, und ich den Vertrieb übernommen habe.

Sie haben in Ihrer Karriere auf den verschiedensten Positionen gespielt, erst im Angriff, dann im Mittelfeld und schließlich in der Abwehr. Auf welcher Position haben Sie sich denn am wohlsten gefühlt?

Auf der, die ich bei Hertha BSC gespielt habe. Ursprünglich war ich ja Angreifer, und ich bin nur durch Zufall bei einem Spiel des 1. FC Nürnberg in die Abwehr gerutscht. Damals waren zwei unserer Abwehrspieler verletzt und der Trainer meinte zu mir, dass ich das schon packen würde, immerhin war ich ja auch sehr kopfballstark. Ich habe dann ausgerechnet gegen Uwe Seeler gespielt, meine Sache aber erstaunlich gut gemacht. Und so blieb ich dann eben gleich auf dieser Position.

Max Morlock hat mal über Sie gesagt, dass Sie zwar ein sehr guter Fußballer seien, aber nicht hart genug.

Ich konnte damals tatsächlich nicht besonders gut austeilen. Wenn mir dann die Gegenspieler auf die Füße gehauen haben, habe ich mich fast noch dafür bedankt. Ich war halt nicht der Typ dafür. Der eine kann’s, der andere eben nicht.

Ende der 90er sind Sie ja noch einmal einige Jahre als Vizepräsident zum 1. FC Nürnberg zurückgekehrt. Wie haben Sie sich denn damals mit Präsident Roth verstanden?

Der Grund dafür, dass ich nach einigen Jahren aufgehört habe, war ja der, dass ich mich mit Roth überworfen hatte. Alles, was ihm vorgeschlagen wurde, von der Jugendarbeit bis zur Spielersichtung, wurde von ihm nicht umgesetzt. Da sind wir wirklich meilenweit hinter die Spitzenvereine zurückgefallen, das wurde erst mit Trainer Wolfgang Wolf wieder besser.

Sie spielen selbst heute noch, mit 64 Jahren, regelmäßig Fußball. Stimmt in Ihrem Fall das Klischee, dass der Sport jung hält?

Absolut. Wenn ich heute Fußball spiele, dann sitze ich danach regelmäßig mit jungen Leuten zusammen, und da wird dann nicht über Krankheiten, sondern über Dinge wie Sport oder Politik geredet. Das ist für mich wie ein Jungbrunnen; zwei- bis dreimal die Woche brauche ich das einfach.

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