01 Volkmar Groß

Foto und Interview: Oktober 2004

Während Ihrer ersten Jahre bei Hertha BSC haben Sie jeweils die eine Hälfte der Spiele absolviert und Gernot Fraydl die andere. Hatte das mit Verletzungen zu tun oder war das Kronsbeins Rotationsprinzip?

Das war tatsächlich eine neue Masche von ihm. Zuerst hatte ich in meiner 1. Saison eigentlich durchgespielt, aber als ich mich verletzte, wurde mit Gernot Fraydl der damalige österreichische Nationaltorhüter verpflichtet. Da wir nach meiner Verletzung beide gut in Form waren, war es schwer für Kronsbein, einen auf die Bank zu setzen. Gerade als Torwart braucht man ja mehr Spielpraxis als andere Spieler. Deshalb kamen wir auf die Idee, dass wir alle zwei Spiele rotieren. Das hat auch gut geklappt, und als Fraydl dann ging, war ich wieder der alleinige Stammtorwart.

Sie waren ja bereits Ende der 60er bei Hertha. Hat die Mannschaft etwas von der damaligen Atmosphäre in der Gesellschaft mitbekommen, z. B. was die Studentenproteste anging?

Das hat bei uns eigentlich keine Rolle gespielt. Wenn man jung ist und Fußball spielt, also das tun kann, was man am liebsten tut, dann hat man keine Augen für andere Dinge. Die einzige Ausnahme war vielleicht Peter Enders, der als Student womöglich damit ein wenig sympathisierte, ansonsten ist das an der Mannschaft mehr oder weniger komplett vorbei gegangen.

In den 60er Jahren hatte Fußball ja noch einen etwas zwielichtigen Ruf, vielleicht ähnlich wie Boxen in den 80ern. Angeblich sollen einige der damaligen Hertha-Spieler sogar Kontakte zum Rotlicht-Milieu gehabt haben.

Das war bestimmt so, schließlich gingen zum Fußball ja alle möglichen Leute, und im Vergleich zu heute sind wir auch viel früher nach dem Spiel mal ausgegangen. Ich war ja in der Hinsicht einer der führenden Leute zu dieser Zeit. Klar lernte man da auch mal andere Leute kennen, Leute, die als Fußball-Anhänger eben auch ziemlich kumpelhaft mit den Spielern umgegangen sind. Da hat man nicht groß nachgefragt, wer das eigentlich ist. Das waren allerdings auch keine Verbindungen, die darüber hinausgingen, vielleicht ab und zu mal ein bisschen Spaß zu haben.

Stimmt es, dass Präsident Holst und Trainer Kronsbein Ende der 60er einen Detektiv auf die Mannschaft angesetzt haben, weil sie der Meinung waren, dass einige Spieler nicht mehr so liefen wie sie es sollten?

Das stimmt. Wir sind nach dem Training oft fast komplett in eine Eckkneipe im Wedding gegangen. Da kostete der Schnaps gerade mal 50 Pfennig. Wir haben da öfter mal ein paar Bier getrunken. Als es dann mal nicht so lief, hat der Trainer eben nach Gründen gesucht, deshalb wurde uns damals wohl tatsächlich ein Detektiv hinterhergeschickt. Ich glaube aber nicht, dass das große Auswirkungen auf die Kondition hatte. Dass man mal ein Bier trinkt, hat meiner Meinung nach noch keinem geschadet.

Sie haben 1970 auch mal ein Länderspiel gemacht. Wie war das, zur Abwechslung mal Beckenbauer und Vogts vor sich zu haben?

Natürlich war das aufregend, obwohl ich Berti Vogts ja schon aus der Schülernationalmannschaft kannte. Franz Beckenbauer war schon zwei Jahre älter als ich, aber im Prinzip waren wir fast alle in einem Alter und es gab einen unheimlichen Respekt untereinander. Auf dieser Länderspielreise hat erst Sepp Maier in Jugoslawien gespielt und ich dann in Griechenland. Das war für mich schon eine tolle Zeit.

Anfang der 70er gab es den Bundesliga-Skandal, in den damals fast die komplette Mannschaft von Hertha BSC verwickelt war. Sehr bekannt ist in diesem Zusammenhang Ihr Zitat „Ich bereue nichts“. Wie genau haben Sie das gemeint?

Ich kann da sowohl für mich als auch für den Großteil der Mannschaft sprechen, wenn ich sage, dass wir uns während des Spiels gegen Bielefeld wirklich nichts zu Schulden haben kommen lassen. Wir haben uns lediglich nach dem Spiel falsch verhalten. Vor dem Spiel wussten wir zwar auch von dem Angebot, aber da haben wir nur drüber gelacht, es wurde nie ernsthaft darüber diskutiert, dieses Spiel zu verschieben. Als wir dann aber das Spiel tatsächlich ungewollt verloren hatten, haben wir uns im Waldhaus, einem Lokal an der Heerstraße getroffen, und plötzlich kam Jürgen Rumor und meinte: „Ich habe das Geld im Auto“. Der hatte den Bielefeldern offenbar nach dem Spiel weisgemacht, dass wir das Spiel absichtlich verloren hätten und wurde dann dafür bezahlt. Als er später zu uns stieß, hatten wir alle schon ein paar Bier getrunken. Wir sind dann in meine Wohnung gegangen, die gleich um die Ecke lag, und als wir den Aktenkoffer aufmachten, lag da eine Viertelmillion Mark drin. Das war natürlich ein ziemlich schöner Anblick für uns, also wurde die dann erst mal verteilt. Selbstverständlich hatten wir alle auch ein bisschen Schiss, da wurde schon ziemlich diskutiert, das lief nicht innerhalb von 20 Minuten ab. Die Entscheidung fiel uns nicht leicht, allerdings auch nicht zu schwer, um mal ganz ehrlich zu sein. Wir fühlten uns bei der Sache auch nicht schuldig, weil wir ja nicht absichtlich verloren hatten, was uns hinterher natürlich keiner geglaubt hat.

Bei diesem bewussten Spiel stand Lorenz Horr nicht auf dem Platz. Hatte der einfach Glück oder hätte er sich vielleicht anders verhalten?

Ich vermute, er hätte sich anders verhalten, denn Lorenz ist ja ein sehr gradliniger Mensch. Der würde wahrscheinlich nie einen Fuß von dieser Linie abweichen, und das respektiere ich auch unheimlich. Was mich persönlich angeht: Ich habe zwar damals einen Fehler begangen, aber ich stand auch auf dem Standpunkt, dass ich deswegen nicht den Rest meines Lebens heulen kann. Und ich wäre Ende der 70er ja auch fast wieder zu Hertha zurückgekehrt. Trainer Georg Kessler hat damals sehr häufig bei mir angerufen und auch Wolfgang Holst war damals bei mir zu Hause. Ich hatte praktisch die Wahl zwischen Hertha, dem 1. FC Köln und Schalke 04. Ich habe mich dann für Schalke 04 entschieden, weil ich das Gefühl hatte, dass das ganze Klima dort sehr gut war.

Uli Maslo, der damals Trainer bei Schalke war, hat mal über Sie gesagt, dass Sie eigentlich ein feiner Kerl seien, der sich beim Bundesliga-Skandal leider hat beeinflussen lassen.

Wir waren damals eine Clique um Tasso Wild, Uwe Witt und mich, vielleicht auch noch zwei weitere Spieler. Beeinflusst hat mich da eigentlich keiner. Da will ich keine Ausreden suchen, ich war mir schon voll bewusst, was ich da tat. Eher müsste ich sagen, dass ich derjenige war, der damals Arno Steffenhagen beeinflusst hat. Der war ja ursprünglich gar nicht dabei, als die ganze Sache besprochen wurde. Arno kam erst abends in meine Wohnung, nachdem ich ihm sagte, dass er sich seinen Anteil abholen könne.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass der Bundesliga-Skandal den damals involvierten Spielern im Nachhinein eher eine gewisse Aura verleiht. Menschen scheinen grundsätzlich interessanter, wenn sie zumindest kurzfristig mal vom geraden Weg abgekommen sind.

Wir sind doch alle Menschen, und wir machen alle Fehler, wobei manche Fehler halt schwerwiegender sind als andere. Vielleicht wurde uns das ja von vielen Leuten auch zugestanden. Schon damals wurde ich auf der Straße deswegen nie angepöbelt, da hat mich nie jemand verurteilt. Von Seiten der Presse sah das natürlich etwas anders aus, für die waren wir ja fast Schwerverbrecher.

Haben Sie mal gedanklich durchgespielt, wie Ihre Fußballkarriere ohne den Bundesliga-Skandal gelaufen wäre?

Ja, schon. Ich wäre vermutlich bei Hertha geblieben und hätte fester Bestandteil der Nationalmannschaft werden können. Anderseits hätte ich mir in Berlin auch ein Bein brechen können, da hätte so viel passieren können. Und ich hatte ja auch nach dem Bundesliga-Skandal noch eine gute Zeit. Twente Enschede z. B. war ja auch ein renommierter Verein, mit dem ich damals sogar im Europapokal-Endspiel gegen Mönchengladbach gestanden habe. Jahre später war auch Hans Meyer mal dort Trainer. Als ich vor ein paar Monaten beim Hertha-Training war, habe ich mich auch mal mit ihm über Twente Enschede und einige andere Dinge unterhalten. Irgendwann meinte Meyer dann zu mir: „Wenn du heute spielen würdest, dann würdest du dich dumm und dämlich verdienen.“

Wie verlief Ihre Zeit in Südafrika und Amerika?

Südafrika war ja nur eine Notlösung, und fußballerisch nicht unbedingt sehr hohes Niveau. Durch die Apartheid hatten wir damals nur weiße Spieler, die schwarzen Spieler spielten in ihrer eigenen Liga. Die amerikanische Liga war zu meiner Zeit dagegen noch vollkommen im Aufbau, wir mussten als Spieler zu Veranstaltungen erscheinen, um der Bevölkerung das Thema Fußball überhaupt erst einmal nahe zu bringen. Da war nur sehr wenig Interesse vorhanden.

Eine Frage zur aktuellen Hertha-Mannschaft: Die Torhüter der letzten 10 Jahre hießen Sejna, Fiedler, Kiraly und wieder Fiedler. Einige Leute sagen, die seien eigentlich alle nicht so das Wahre gewesen. Wie sehen Sie das als ehemaliger Torwart?

Ich denke, dass Fiedler in den vergangenen Monaten hervorragend gespielt hat, wahrscheinlich sogar besser, als viele erwartet haben. Er ist eben nur etwas zu klein, macht seine Sache meiner Meinung nach aber trotzdem recht gut.

Wenn Sie heute aktuelle Bundesliga-Torhüter wie Kahn oder Rost sehen, die oft sehr verbissen wirken, erkennen Sie sich da ein wenig selbst wieder?

Eigentlich nicht, denn ich war ja eher ein Ruhiger, und ich denke, es ist mir auch ab und zu gelungen, das auf die Mannschaft auszustrahlen. Erst mit zunehmendem Alter wurde ich etwas verbissener, weil ich da dann einfach mehr Konzentration brauchte.

Sie sind vor einigen Monaten wieder nach Berlin zurückgekehrt. Was waren die Gründe dafür?

Zum einen wollte ich wieder nach Hause, zum anderen hatte ich bereits fünf Operationen an meinem rechten Knie hinter mir. Das Knie musste komplett ersetzt werden, was in Amerika ohne gesetzliche Krankenversicherung sehr kostspielig gewesen wäre.

Wie sehen Sie Berlin heute?

Die Stadt ist mir etwas fremd geworden. Hier in Zehlendorf, wo ich groß geworden bin, ist noch vieles so geblieben, aber im Ostteil der Stadt kenne ich mich kaum aus. Auch der Kudamm ist für mich nicht mehr der Kudamm, der er mal gewesen ist. Im Moment kenne ich die Stadt nicht, ich muss mich erst mal wieder eingewöhnen. Es ist doch einiges anders geworden, das gilt auch für die Menschen. Früher war Deutschland ja ein großer Wohlfahrtsstaat, aber heute gibt es einfach nicht mehr soviel Arbeit wie früher. Ich kenne viele Leute, die kleine Läden haben, und nicht wissen, ob sie die noch weiterführen können. Stattdessen kommt auf sie womöglich demnächst Hartz IV zu. Viele sind heute verunsichert, das spüre ich sehr deutlich.

Advertisements